Hallo Overcards-Community

noch vor der diesjährigen WSOP veröffentlichte das Team Overcards meinen Gastbeitrag zum Thema „Poker und Business“.

Gastbeitrag von Stephan M. Kalhamer

Nun startet eine regelmäßige Zusammenarbeit. Ich freue mich darauf.

Zunächst möchte ich ein paar Keyfacts klären:

Wer bin ich?
Was mache ich?
Was biete ich euch?

Eigentlich bin ich Diplommathematiker mit besonderem Focus auf die Prognostik. Diese Sonderform der Statistik bezeichne ich immer gerne als modernes „Orakel von Delphi“: man versucht unter Zuhilfenahme von Daten aus Vergangenheit und Gegenwart möglichst „clever“ wahrscheinliche Zukunftsszenarien zu antizipieren BEVOR diese tatsächlich eintreten. Ein klassisches Anwendungsgebiet hierfür ist die Schätzung von zukünftigen Unternehmenskennzahlen.

Interessanterweise ist auch Hold'em (gerade in der No Limit Variante) ein Spiel, das sich für prognostische Denkweisen sehr gut eignet:

  • Ist es wirklich überraschend, dass ein preflop stabiles Paar Achten sich „plötzlich“ mit der Problematik einer Overcard im Flop zu beschäftigen hat?
  • Darf man jammern, wenn der Turn aus dem netten Toppair-Topkicker-Szenario eines 7-high Flops ein neues mögliches Toppair ermöglicht?
  • Gibt es Riverkarten, die ein Board, das am Turn zweimal suited und relativ connected ist (z.B: Ah -Th-7c-5c), blanken?

Mein Credo für erfolgreiches Pokerspiel ist es, sich Gedanken über möglichst alle Setzrunden zu machen, ehe man in ein Spiel einsteigt. Wie ein Schachspieler, der VOR seinem Zug mögliche Gegenzüge, folgende eigene Züge, dann wieder Gegenzügen etc... geistig durchwandert, muss ein überlegener Pokerspieler möglichst für viele Szenarien (z.B. Flopkategorien und daraus folgende mögliche eigene und gegnerische Spielzüge) Lösungen parat haben, EHE sie konkret gebraucht werden. Denn dann wird er sich zum tatsächlichen Eintrittszeitpunkt sicher, routiniert und glaubwürdig verhalten.

So zeichnet sich gutes Preflopspiel durch ein klares Bild von den sich anschließenden wahrscheinlichsten Folgesituationen aus!

Ein Beispiel:
Ein Spiel am Button in einer vollbesetzten NL Hold'em Cashgame Partie mit 40 Big Blinds behind. Es gibt einen Limper aus Midposition.

Ehe ich ausführe, mache ich mir folgende Gedanken: Ich habe noch drei Gegner (SB, BB und den Limper), also zwei Randomhands und eine vorselektierte Hand.

Der Range der Blinds ist schnell erfasst: 100% each, random eben.
So schätze ich den Range des Limpers:
Was ist wohl die schlechteste Hand mit der er mit seinem Stack von 100 BBs, seinem Image und gegen diesen Tisch limpen würde?
Any Pair? Any Ace? Gar any Pic? Oder genügt ihm die Floskel: „ I'm suited“, um vom Fold abzusehen?
Oder sieht er gar von Raise ab? Könnte er auch sehr stark sein und trappen?

Mit solchen Gedanken mache ich mir ein Bild vom plausiblen Handrange und schätze hier pauschal auf sehr loose 40%, was dann so aussehen könnte:








Handkategorie Auftrittswahscheinlichkeit
Paare (alle 13) 13 * 0,45% = 6% (ca.)
Asse (suited, alle 12) 12 * 0,3% = 4% (ca.)
Asse (offsuit, jede zweite, also bis inkl. A8) 6 * 0,9% = 5% (ca.)
Könige (generell ca. jeden zweiten) 6 * 1,2% = 7% (ca.)
Damen (generell ca. jede dritte) 3 * 1,2% = 4% (ca.)
(Suited) Connectors und „persönliche Favoriten" 12 * 1,2% = 14% (ca.)
SUMME 40% (ca.)

Natürlich erfasse ich nie exakt den korrekten Range, aber ich werde persönlich immer erfahrener und lerne nach Showdowns oder durch freiwillig gezeigte Karten des Gegners dazu. Wichtig ist es, ein Gefühl für plausible Handranges bestimmter Spieler in bestimmten Situationen zu erlangen.

Nun zu meiner Spielentscheidung:
Was sind die denkbaren Szenarien für jede meiner Handlungsoptionen?

  • Fold: Dann interessiert der Rest nur für künftige Spiele, ist also unmittelbar relativ uninteressant und wird hier nicht weitergedacht.
  • Call: SB bekommt dann 7:1 Geld, wird wohl auffüllen; BB checkt, wir sehen zu viert den Flop. Ich habe Position auf alle drei Spieler und mit 39 BB in etwa 10-fache Potsize (SB hat 19 BB, die anderen beiden covern mich). Gegen SB würde das Spiel also wohl 2-zügig (z.B.: Bet – Raise - Call), gegen die anderen beiden eher 3-zügig (z.B. Bet – Call; Bet – Raise – Call) ins All In gehen. Das hat folgende Konsequenzen: Eröffnet der SB, kann ich bei Fold der beiden Bigstacks mit viel Druck, aber nicht oversized, All In sagen. Eröffnet aber z.B. der ehemalige Limper, so bin ich positions- und chipmäßig „caught in the middle“: bzgl. Position, weil SB und BB nach mir sprechen; bzgl. Jetons, weil ich zu viel habe um selbst mit All In antworten zu können. Der Limper hätte bei einem Raise meinerseits seinerseits die Möglichkeit selbst den finalen Zug anzusetzen. Er kann dies ohne dass ich eingreifen könnte entweder durch ein sofortiges over-the-top All In tun oder aber ein Stop-And-Go spielen, indem er das Raise callt und den Turn mit Bet Out eröffnet.
  • Raise (standardmäßig, also hier gut 4 BB): SB und BB sind nun ihrerseits „caught in the middle“ (s.o.), brauchen somit wirklich eine Hand, um dazwischenfunken zu können. Sie werden also mit hoher Wahrscheinlichkeit folden. Der Limper wird - selbst wenn er gerne callt - wohl gut 70% seines Handranges (s.o.) aufgeben müssen oder wirklich lausig callen, was gepaart mit dem Positionsargument ein profitables Flopspiel ermöglichen sollte.
    Raist er aber, so müssen wir v.a. nach unserer Handstärke (erst hier greift diese merklich ins Spiel ein!) folden, callen, oder all in sagen.

Betrachten wir zu guter Letzt die Flopverzweigungen für den Fall eines isolierten Calls des open Limpers: ich habe Position und 36 BB bei einen ca. 10 BB großen Pot. Ein klassisches 2-zügiges Finish also.

Spielt er an, so ist v.a. meine Handstärke relevant für das Restspiel:
Habe ich nichts, so folde ich oder bluffe All In - je nach Gegner, eigenem Image und Flop.
Habe ich etwas Entwicklungsfähiges, entscheide ich nach Gegner, Wirkung meines Calls (glaube ich z.B. an eine folgende Freecardmöglichkeit am Turn?), eigenem Image, Potential der Hand, ob ich aufgebe, calle oder all-in-semibluffe.
Habe ich eine Hand an die ich glaube, so entscheide ich nach Gefahrenpotential der nächsten Karte, Gegner und eigenem Image ob ich raise oder per Call langsam spiele.

Checkt er aber, so eröffne ich mit nichts als Bluff und mit einer Hand, die ein Check-Raise des Gegners callen wird, als Valuebet. Mit marginalen Händen checke ich behind, um den Pot klein zu halten, einen Bluff zu induzieren oder meine Hand zu entwickeln.

So. Das alles denke ich an, ehe ich die vier kleinen Jetons in die Hand nehme und mein bescheidenes Preflop-Raise annonciere. Und natürlich passiert dann immer noch genug, um mich in spontanes Handeln zu zwingen... Darum ist das Spiel ja auch so interessant und fordernd.
Ich hoffe, es war etwas Brauchbares für euch dabei, ich wünsche euch viel Spaß und Erfolg an den Tischen. Und nicht vergessen: Zahler zocken – Könner kalkulieren.

Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

Ps. Wer mit mir spielen möchte, sollte keinesfalls den Start der neuen Overcards League verpassen. Ich werde morgen als Bounty-Spieler dabei sein.

 

Kommentare

Veröffentlicht von Angela am 03:45 PM, September 10, 2008 | Antwort hinzufügen

Keiner kann abstreiten, dass Mathematik wichtig ist.
Daher ist es doch gut, sich über die mathematischen Hintergründe klar zu sein. Keiner muss ständig beim Spielen rechnen - das verlangt doch niemand! Aber das Wissen darum schadet nicht. Im Gegenteil! Ich finde es gut, hier so ausführlich die Entscheidungswege nachzulesen... Danke.

Veröffentlicht von Friedenreich am 09:11 AM, July 24, 2008 | Antwort hinzufügen

An dieser Stelle ein Dankeschön an Herrn Kalhamer. Ich finde es sehr erbaulich, Handanlysen so detailiert dargestellt zu bekommen und dass auch noch in einer kostenlosen Community.
Ich mache mir auch nicht bei jeder Hand so detailierte Gedanken, da es in vielen Fällen nicht notwenig ist. Wenn ich geschlagen bin, bin ich geschlagen. Bei den meisten Spielern ist das recht einfach zu erkennen (ein paar haben sich hier wohl auch bereits als Kommentar verewigt). Sehe ich mich aber tatsächlich einem anspruchsvollen Gegner gegenüber, bin ich froh, auf manche von Herrn Kalhamer aufgeführten mathematischen Berechnungen zurückgreifen zu können, dabei spielt es für mich keine Rolle, ob seine Mittelinitiale ein "M" beinhaltet, oder nicht. Wer sich über so etwas ärgern möchte, solte sich eine "MAD" Zeitschrift besorgen und mit der Hauptfigur um den größeren Intellekt streiten. Wird eine knappe Sache.
Bei knappen Entscheidungen geht es oft auch in Cashgame Runden. Hier ist man sehr oft deep in the money und bei regelmäßigem Besuch lohnt es sich sehr wohl, mathematisch korrekt zu spielen und vor allem auch zu erkennen, wenn andere nicht korrekt spielen. Alleine daraus kann man auf Dauer Kapital schlagen, aber davon hat man wohl keine Ahnung, wenn man lediglich auf 6 Dollar Turbotischen herumhängt und lediglich auf gute Karten wartet und deshalb noch Zeit hat,nebenbei nicht wirklich qualifiziere Comments zu schreiben.
Ich finde auch nicht, daß Mathematik die einzig wahre Größe dieses Spiels ist, aber sie kann, neben anderen Skills, eine mitentscheidende Größe sein, sich dauerhaft zu behaupten.

Veröffentlicht von Rene am 04:26 PM, July 23, 2008 | Antwort hinzufügen

Was soll eigentlich dieses M. in seinem Namen? Ist ja mal super affig. Aber M steht wohl für Maulheld :-)

Veröffentlicht von ischias100 am 09:47 PM, July 21, 2008 | Antwort hinzufügen

was wird hier eigentlich gelabert? der artikel enthaellt null mathematik und ist ueberdies extrem trivial und allenfalls was fuer anfaenger...

Veröffentlicht von CHANTICON am 08:06 PM, July 21, 2008 | Antwort hinzufügen

... die Ausführungen sind umfangreich hoch akademisch und sehr kompliziert.... so ensteht der Eindruck wie f ü r c h t e r l i c h kompliziert das Pokerspiel doch ist... wenn man erfolgreich werden will kommt man nicht darum herum das Buch von Herrn Kahlhamer zu kaufen ;-)

Veröffentlicht von Thorsten am 02:20 PM, July 21, 2008 | Antwort hinzufügen

Nun, so schlecht ist der Blog-Eintrag nun auch wieder nicht. Was soll man auch von einem Diplommathematiker anderes erwarten als einen mathematischen Ansatz.

Niemand wird sich all diese Überlegungen bei jeder Hand machen. Aber Poker ist nun mal ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten und ich finde es schon interessant, solche Überlegungen mal vorgerechnet zu bekommen, da ich sie nicht selber anstelle. Es ist neben der Erfahrung (dem Bauch-Poker) nun mal ein anderer Ansatz und ich glaube, dass die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegt.

Veröffentlicht von PSchaefer am 12:40 PM, July 21, 2008 | Antwort hinzufügen

Irgendwie sind alle Blog-Einträge aus Sicht der Leser, irgendwie schlecht geworden ?

Was verschwende ich hier also noch meine Zeit ?

---

Mit Comments lesen meine ich natürlich .....

Veröffentlicht von frico00pz am 11:03 AM, July 21, 2008 | Antwort hinzufügen

@de_Bader

thx, du hast es noch viel besser formoliert als ich! Grundlagen JA, aber bis ins allerletzte Detail Nein!

Wäre Poker=Mathe, dann wären Bots viel besser, weil die sich nicht verrechnen!

Veröffentlicht von De_ Bader am 11:01 AM, July 21, 2008 | Antwort hinzufügen

irgendwie ein komischer erster blogeintrag!!. Hätte doch gerne etwas mehr über dich persönlich erfahren. war ja etwas kurz gehalten.
und dann gleich mitten rein in die tiefen der mathematik. man rechnet ewig hin und her und meiner Meinung nach wird mathematik im pokern total überschätzt. ein bisschen multiplizieren, addieren etc und dann eben noch wahrscheinlichkeitsrechnungen. aber dazu braucht man kein mathe genie sein.

Veröffentlicht von frico00pz am 10:50 AM, July 21, 2008 | Antwort hinzufügen

ich hasse Mathe...(nicht weil ich schlecht drin bin, sondern weil ich es tod langweilig finde!)

Ich bin auch nicht der Fan davon, Poker immer so mathematisch anzugehen....

Aber wens interessiert, viel Spass

Veröffentlicht von kafka am 10:16 AM, July 21, 2008 | Antwort hinzufügen

Glückwunsch! Fast könnte man hier den Eindruck gewinnen, Poker und auch die Mitspieler könnte man 100% berechnen. Warzen kann man besprechen, Berge besteigen, Meere durchschwimmen und Pokerspiele(r) eben mathematisch berechnen. Sie funktionieren wie Computer - bzw. treffen sie die statistisch falsche Entscheidung, dann sind sie eben Fisch.

Ist das Pokerleben wirklich so einfach? Gibts es nicht neben der eindeutig hier sehr wesentlichen Mathematik noch ganz andere wesentliche Aspekte, die hier beachtet werden können?!

Einen Pokerspieler berechnen?

Gibs auf!

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: "Von mir willst du den Weg erfahren?" "Ja", sagte ich, "da ich ihn selbst nicht finden kann." "Gibs auf, gibs auf", sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

(Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, hg.v. Paul Raabe, Fischer Taschenbuch 1078, Frankfurt/M. 1970, S.320f.)

Veröffentlicht von hackedull am 08:56 AM, July 21, 2008 | Antwort hinzufügen

Endlich wieder content!

Netter Artikel

Veröffentlicht von iseedeadpeop1e am 09:59 PM, July 20, 2008 | Antwort hinzufügen

lol Joker,

Ich hab den blog nicht gelesen da ich definitiv zu müd bin um mir jetzt irgendwelche mathematik reinzupfeiffen und ich für die Uni sowieso grad genug zu tun hab, aber dein Eintrag wars schon wert hier reinzuschauen.

LOL 'hab mir schon überlegt das buch geschreddert zurückzuschicken' der hätt bestimmt blöd geguckt :)

Veröffentlicht von jokerpoker am 05:29 PM, July 20, 2008 | Antwort hinzufügen

Hallo Stephan,

ich für meinen Teil bin noch Heute "sauer" auf Dich als Buchautor. Von einem Teil meiner ersten - schwer erspielten (!!!) - BR auf 0,01/0,02 habe ich das Buch "Vom Anfänger zum turnierreifen Pokerstrategen" gekauft. Aus meiner Sicht eine absolute 30-Euro Fehlinvestition und ich habe mich ehrlich gesagt, regelrecht übers Ohr gehauen gefühlt. Ich wollte es Dir sogar geschreddert zurückschicken.

Insofern bin ich gespannt was "Brauchbares" kommt und werde deine Blogs aufmerksam lesen ;-)

jokerpoker

Veröffentlicht von therealgor am 04:02 PM, July 20, 2008 | Antwort hinzufügen

Sehr interessant, sehen uns Morgen.

Gruß Gor

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