ICM Cashwert, Teil 1

Hallo Overcards-Community,

diesmal möchte ich eine ganz konkrete, real stattgefundene Situation beschreiben und analysieren.

Zum Hintergrund:

Vor ein paar Tagen hat mir ein netter Coachingklient folgende Mail geschrieben:

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...Ich habe mit meiner Freundin auf der Rückfahrt noch einmal Deine Ausführungen über das ICM diskutiert. Ich habe es verstanden, wäre aber nicht mehr in der Lage, dies in der nächsten Situation zu adaptieren und anzuwenden.
Ich hätte Dich dazu gebeten, die Sache vielleicht noch einmal aufzurollen, möchte Deine Zeit aber auch nicht unnötig in Anspruch nehmen...

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Clever, clever. Ich will ja immer und grundsätzlich Verständnis für den mathematischen Part des Spiels wecken. Wenn es dann im ersten Anlauf nur partiell verstanden wird, bin ich natürlich hochmotiviert nachzubessern. Nun also meine Sonderschicht.

Ich stelle die Frage gleich öffentlich als Beitrag für euch zur Verfügung, weil ich der Meinung bin, dass
- die konkrete Spielsituation häufig vergleichbar vorkommt,
- von einer überwältigenden Mehrheit aller Spieler unsauber betrachtet wird,
- es damit zu vielen suboptimalen Entscheidungen kommt,
- das Thema ICM für sich allein schon einen Beitrag wert ist.

Zur konkreten Situation:

Ein privates MTT hat gerade die Bubblephase hinter sich.
Die Geldränge sind wie folgt bezahlt:

5.Platz: 25,-
4.Platz: 40,-
3.Platz: 75,-
2.Platz: 120,-
1.Platz: 160,-

Das Spiel startet unter folgenden Bedingungen:

Auf die verbleibenden 5 Spieler verteilen sich insgesamt 280.000 Jetons.
Die Blinds sind bei 1.500/3.000, no Antes.
UTG foldet mit einem Stack von 6.000.
Cutoff raist mit Ks Qh auf 8.000. Ihm verbleiben 15.000.
Button hält 65.000, ist nicht am Platz, foldet folglich.
Small Blind (1.500) foldet mit 54.500 behind.
Big Blind (3.000) ist Chipleader mit 127.000 behind und geht mit 7c 4h all in.
Cutoff bezahlt.

Zur Fragestellung:

Die ursprüngliche Fragestellung war natürlich vom gebusteten Cutoff recht emotional vorgetragen mit etwa folgendem Inhalt: „Warum erfreut sich der Chipleader solchen Mutes und Glückes?“ (Die genaue Formulierung war nicht ganz so .... blumig.)

Mein erster Gedanke galt aber eher der kritischen Beleuchtung des Spiels des Cutoffs selbst. Darum hier als Konsens die neue Fragestellung:

Wie gut sind die Moves beider Parteien?

1. Das Raise des Cutoffs auf 8.000
2. Das All In des Big Blinds
3. Der Call des Cutoffs

Zur Spielbetrachtung:

Poker ist ein Entscheidungsspiel. Die erste Entscheidung einer Hand steuert den kompletten weiteren Verlauf. Der Cutoff entschied zu erhöhen. Diese Entscheidung soll hinterfragt werden und alle Folgen und Alternativen gegeneinander abgewogen werden. Was, wenn der Cutoff gefoldet oder gleich All In gespielt hätte? (Limp in soll hier nicht betrachtet werden.)

0. Fold
Dieses Szenario ist das unspektakulärste für den Cutoff, meinen Klienten. Es soll hier rein als Vergleichsgröße dienen. Denn schließlich muss aktives Zutun die Situation verbessern!

1. Raise auf 8.000 (tatsächliche Entscheidung)
Das Raise kann sowohl als Steal als auch als Bluffinduce verstanden werden.
- als Steal v.a. gegen den Small Blind: dieser callt schwerlich (Midstack, Chipleader im Rücken)
- als Bluffinduce gegen den Big Blind: dieser kann sehr leicht pushen. Besonders zu beachten ist hier der UTG: er ist im nächsten Spiel im BB und damit quasi All in.
Ich nehme also an, dass der Cutoff gegen das All In des SB folden, den BB aber callen würde.

1.1. SB und BB folden
Der Steal ist gelungen. Die Turniersituation hat sich verbessert.

1.2. SB oder/und BB callen
Der Stealversuch ist misslungen. Es entstehen neue Spielsituationen am Flop.

1.2.1. SB callt und BB foldet
Gehen wir davon aus, dass der SB bezahlt und der BB foldet, ergeben sich im wesentlichen zwei verschiedene Szenarien am Flop:
- SB pusht und der CO steht vor der Frage, seinen All-In zu riskieren.
- Der SB checkt. Somit muss sich der CO überlegen, ob er selbst pusht oder behind checkt.
Die Antworten darauf werden stark davon beeinflusst, ob der CO getroffen hat.
Dies muss er eigentlich in beiden Fällen, denn sowohl ein K high Call als auch ein K high Push wären zweifelhaft: immerhin hat der SB den Raise Preflop trotz Chipleader im Nacken bezahlt.
Hinzu kommt, dass hier Position ausnahmsweise einen Nachteil darstellt: ist der SB ein guter Spieler, kann er möglicherweise Stop-and-Go spielen, das heißt den Preflop Raise in der Intention zu bezahlen jeden Flop All-In zu gehen. Womöglich checkt er nur die Flops, die er wirklich getroffen hat. Demzufolge würde der CO bei einem K-high Push dann ins offene Messer laufen.

1.2.2. SB foldet und BB callt
Die gleiche Situation stellt sich dar, wenn der SB foldet und der BB callt. Wieder steht der CO vor schweren Fragen, außer er hat getroffen (dann wird es mit KQ mit hoher Wahrscheinlichkeit Toppair mit quasi Topkicker sein, was in diesem Fall ein Monster ist). Jedoch ist dies nur in ca. einem von drei Fällen gegeben.

1.2.3. SB und BB callen
Es besteht auch die Möglichkeit der three-way-action, wenn also beide Spieler callen.
Spielt der SB an und der BB foldet, stellt sich wieder die Frage, ob der CO getroffen hat. Dies sollte er hier definitiv, denn der SB hat gegen zwei aktive Spieler (BB covert ihn sogar) angespielt.
Checken beide Spieler zum CO, ist auch ohne Hit ein Push zu überlegen, denn der SB muss getroffen haben, um callen zu können. Der BB kann nämlich nach ihm over-the-top All in gehen. Das macht auch Sinn, denn er bekommt sehr gute Odds dafür, selbst wenn er keine sonderlich gute Hand hält. Der Erfolg des Pushes liegt folglich v.a. daran, ob der BB getroffen hat, denn dann wird dieser mit großer Sicherheit callen.
Noch verzwickter wird es, wenn der SB checkt und der BB anspielt. Nun gibt es zwar noch bessere Odds, jedoch hat der CO den SB im Rücken. Demnach kann er nur bei einem Treffer callen.
Man sieht, dass die Call-Szenarien aus der Sicht des CO große Probleme aufwerfen. Er kommt so gut wie nie eine eine gute Situation, es sei denn der Flop trifft ihn.
Um auf Treffer zu spielen ist die Investition eines Drittel seines Stacks aber zu hoch, vor allem unter Berücksichtigung der Turniersituation und des shorten UTG-Spielers.

1.3. SB oder/und BB pushen
Hier stellt sich die Frage, ob der Steal mit Resteal beantwortet wird oder einfach das Timing unglücklich gewählt wurde.

1.3.1. SB foldet, BB pusht
Hier handelt es sich potentiell um einen Resteal. Dieses Szenario hat auch tatsächlich stattgefunden und der Cutoff machte den Call.

1.3.2. SB callt, BB pusht
Der CO hat grundsätzlich den Plan den Push des BBs zu callen. Allerdings hat er jetzt auch noch den SB im Rücken, der seinen Raise bezahlt hat.

1.3.3. SB pusht, BB foldet
SB kann hier gut und gerne eine Hand gefunden haben. Ein Resteal ist eher unwahrscheinlich.

1.3.4. SB pusht, BB callt
Hier haben wohl beide Spieler eine Hand gefunden. Das Tripple-up scheint für 15.000 recht preiswert.

2. All In (23.000)
Die ultimative Frage wird direkt gestellt. SB und BB brauchen eine Hand oder viel Mut.

2.1. SB und BB folden
Keine Hand wurde gefunden und das All In des CO lässt keinen Move zu.

2.2. SB oder BB callen
KQ des CO ist wohl geschlagen.

2.3. SB und BB pushen/callen
Hier soll nur betrachtet werden, dass letztlich alle drei Spieler Preflop All in sind. Die Turniersituation verändert sich enorm.

Zur Analyse:

Das Spiel ist nun in nahezu alle denkbaren Szenarien aufgesplittet und die relevanten Fragen sind gestellt.
Welche Handlungen bieten nun den jeweils höchsten Cashwert für die Protagonisten?
ICM liefert die Antwort! Es gilt die verschiedenen Chipwerte vor und nach den möglichen Entscheidungen in einen entsprechenden Kalkulator einzugeben und die Resultate zu vergleichen.

Die komplette, ausgearbeitete Analyse erfolgt nächste Woche an selber Stelle. Wer Lust hat, inzwischen seine Turnierskills zu fördern, kann die verschiedenen Situationen durchdenken und für sich entscheiden, was wohl die idealen Pfade sind.

Zahler zocken – Könner kalkulieren.

Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

 

Kommentare

Veröffentlicht von faxxx am 07:10 PM, August 18, 2008 | Antwort hinzufügen

preflop fold, im falle eines calls ist man fast immer dominated. da der shortie nächste hand ai ist wär mir das risiko selbst zu busten zu groß.

der chipev ist denke ich schon positiv, nicht aber der $ev.

Veröffentlicht von zawi am 05:21 PM, August 18, 2008 | Antwort hinzufügen

Ich wär mit KQ gleich All-In gegangen um ein mögliches Baby Ass zu vertreiben.

Klar, das ICM wird sicher was anderes sagen, aber ein 1. Platz ist mir mehr wert wie 5 x Vierter.

Veröffentlicht von Impulse am 10:43 AM, August 18, 2008 | Antwort hinzufügen

Interessante Situation, freue mich schon auf ie "Lösung".

Ich denke die beste Action ist einfach Preflop zu folden. Der 2BB Shorty ist nächste Hand all in und da würde ich ca 95% (geschätzt) der Hände folden. Liegt auch daran, dass die Price-Struktur nicht so flach ist und man als 4. fast das Doppelte gewinnt vom 5.

Auf einen Resteal muss er aber IMO auf jeden Reraise folden, auch vom BB. Im 2. besten Fall (wie hier) hat der Gegner 2 Undercards und man ist 60:40 vorne, d.h. man fliegt fast jedes 2te mal raus. Das ist das Risiko mMn einfach nicht Wert wenn noch ein 2BB-Shorty UTG ist. Ausserdem könnte man locker auch einen Coinflip haben oder der Gegner hat ein A.

Veröffentlicht von San Daniele am 03:20 PM, August 17, 2008 | Antwort hinzufügen

@göpfi: stimme dir eigtl. zu auch wenn ich einem entscheidenden punkt widersprechen muss

wenn der BB pusht hat der CO mit seinen übrigen 15k gerade mal 2:1 auf sein geld (15k : 31,5k).
... nach einem stealversuch halte ich mich da nicht unbedingt für committed.

Veröffentlicht von Göpfi am 11:39 PM, August 16, 2008 | Antwort hinzufügen

pretty standard push mit KQ in der Situation.
trotzdem interessantes Thema.

Der raise auf 8k ist schwach weil er sowieso pot commited ist.
der push des BB ist aus gleichem Grund schwach, weil er wissen müsste, dass der CO callt.

Veröffentlicht von therealgor am 02:23 AM, August 16, 2008 | Antwort hinzufügen

WOW...
leider ist meine Timeclock mitlerweile abgelaufen...aber das unterscheidet wohl die Profis von uns Laien... :-)
netter Beitrag!

Gruß Gor

Veröffentlicht von Sharki am 01:25 PM, August 15, 2008 | Antwort hinzufügen

Schön mal anderes zu lesen als "Oh hab ich die Hand toll gespielt". Dieser Artikel fordert mal den Leser auf mitzudenken.
Interessante Fragen, werd es mal durchrechnen.
Freu mich schon auf die Analyse.

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