Multitabling: Freizeit vs. Burnout

Multitabling: Freizeit vs. Burnout

 

Mittwochnachmittag, Sonnenschein, ich liege am Weiher im guten Gewissen meine Arbeit für den heutigen Tag bereits erledigt zu haben. Entspannt schlürfe ich meinen Eiskaffee und genieße den Augenblick der Ruhe.

Das täglicheTraumszenario eines jeden Pokerprofis? Auf den ersten Blick ja, aber jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten.

Im folgenden Artikel gehe ich genauer auf das Multitabling beim Online Cashgame, das Spielen an mehreren Cash-Tischen gleichzeitig, ein.

Beginnen wir mit der Betrachtung eines soliden Spieler, der gemäß seinem sich selbst vorgegebenen Moneymanagement einen einzelnen Cashtable spielt. Nach einer gewissen Zeit ist er unterfordert. Er schlägt das Spiel, ertappt sich aber immer öfter dabei aus Ungeduld Hände zu spielen, die er folden sollte.

Nun besitzt er zwei Möglichkeiten: ein höheres Blindlevel spielen oder sich an zwei Tischen gleichzeitig versuchen. Letzteres bietet sich deshalb an, da er weiterhin gegen das Gegnerfeld, das er bereits schlägt, antritt.

Dabei würde sein Risikomanagement, obwohl er jetzt zwei Buy-Ins gleichzeititg riskiert, auch nicht verändert, wenn er annimmt, dieselben Entscheidungen treffen zu können. Denn dann spielt es keine Rolle, ob er diese nacheinander oder nebeneinander trifft. Dies ist eine gesunde Weiterentwicklung des Spiels.

Meist bleibt es nicht beim Spielen zweier Tische. Analog verläuft das Ausdehnen auf drei, vier bis hin zu beliebig vielen Tischen (ich selbst spiele meist acht Tische gleichzeitig). Neben den Chancen birgt das Multitablen aber auch Risiken. So sollte man nur mehrere Tische gleichzeitig spielen, wenn man das aktuellen Level schlägt. Auf keinen Fall ist es angebracht, in der Phase eines Downswings durch erhöhtes Multitabling zu versuchen, Verluste wieder gut zu machen. In jedem Fall muss man allen Tischen volle Aufmerksamkeit schenken wollen und können. Idealerweise befindet man sich in guter Form und hat auch die passende Hardware (v.a. Monitore mit ausreichender Auflösung).

Es folgen weitere Faktoren, an denen erfolgreiches Multitablen scheitern kann.

Die „Ressourcen“ können einfach zu knapp sein. Selbst wenn man in der Lage ist acht Tische gleichzeitig zu handeln, kann man diese nicht spielen, wenn dies die Bankroll nicht zulässt. Will man aber trotzdem acht Tische bedienen, bleibt nur der Schritt zurück in ein niedrigeres Level. Dort besteht jedoch die Gefahr aus Überheblichkeit - man spielt ja normalerweise ein höheres Level - die Gegner zu unterschätzen und zu viele Moves gegen diese vermeintlichen Fische einzusetzen.

Auch die individuellen Fähigkeiten unterscheiden sich drastisch. Manche Spieler können problemlos acht oder mehr Tische gleichzeitig spielen, während andere schon bei vier Tischen gehörig ins Rudern geraten. Dieser Multitaskingskill ist relativ unabhängig vom Pokerskill. Zwar wird er grundsätzlich schon davon beeinflusst, wie sicher und schnell man seine Entscheidungen trifft, jedoch können auch manch sehr gute Pokerspieler schon bei vier Tischen an ihre Grenzen stoßen. In diesem Fall ist es wichtig, sich nicht vom Stolz treiben zu lassen und trotzdem mehr Tische zu spielen. Diesen Spielern ist angeraten, ihre Pokerskills weiter zu verbessern und sich im Falle aufkommender Langeweile und bei entsprechender Bankroll in höheren Limits zu versuchen.

Die Frage, die man sich nach dem Erweitern auf mehrere Tische stets zu stellen hat, lautet:

Spiele ich immer noch mein A-Game?

Unabhängig davon, was die meisten Spieler sagen, jeder zusätzliche Tisch kostet Edge. Details sind schwerer erkennbar und man gerät leichter in Zeitmangel.

Für ersteres Problem bieten sich verschiedene Softwareprodukte (z.B. Pokertracker, Pokeroffice, …) an. Diese liefern Daten über die Gegner, z.B. wie häufig oder wie aggressiv sie spielen. Auch über spezielle Moves, z.B. wie regelmäßig ein Gegner contibetet oder wie oft er check-raist, findet man Infos. Je öfter wir gegen die gleichen Kontrahenten spielen, desto detaillierter werden diese Daten. Dies ersetzt jedoch nicht den persönlichen Eindruck des Spielers, der sich womöglich in der aktuellen Session anders verhält (z.B. tiltet) oder sein Spiel weiterentwickelt hat. Trotzdem ist Softwareunterstützung eine große Hilfe.

Bemerkt man, dass man sich immer öfter unter Zeitdruck gerät, wird die Qualität des Spiels unter der Quantität der vielen Tische leiden. Dies sollte nicht passieren.

Idealerweise steigt die Hourly Rate mit jedem zusätzlichen Tisch. Spielen wir jedoch nicht mehr unser A-Game kostet uns das Jetons. Außerdem ist es schwer möglich, an vielen Tischen gleichzeitig über einen langen Zeitraum die Konzentration zu halten. Deshalb werden wir an einen Tisch länger unser A-Game abrufen können. Nun gilt es abzuwägen, ob wir trotz B- oder gar C-Game und trotz verkürzten Zeiteinsatzes durch die Vielzahl der Tische mehr gewinnen oder aber an weniger Tischen mit unserem A-Game größeren Profit erzielen.

Die einzige Wahrheit spricht der zu erwartende Gewinn.

Grundsätzlich bietet es sich an, die Spielform zu wählen, in der wir unseren Tagessatz maximieren.

Im folgenden Beispiel erläutert eine Graphik, wie dies aussehen könnte.

 

Anzahl der Tische

Anzahl der Stunden

Gewinn pro Stunde pro Tisch bei

 
 

Stundensatz BB/h

Tagessatz BB/d

 
 
A-Game
B-Game
C-Game
 
 
1
8
10 BB
 
 
10 BB
80 BB
2
6
10 BB
 
 
20 BB
120 BB
4
5
 
7 BB
 
28 BB
140 BB
8
3,5
 
 
5 BB
40 BB
140 BB
 

Diese Tabelle ist fiktiv und dient vor allem der Erläuterung folgender Argumentationen.

Unser bestes Poker spielen wir laut Tabelle an einem oder zwei Tischen. Es ist möglich, Kleinigkeiten wahrzunehmen und wir können unser volles Edge pro Tisch ausnützen. Je mehr Tische wir spielen, desto mehr leidet unsere Überlegenheit. Wir schlagen die Tische immer noch, jedoch nicht mehr so stark. Obwohl wir an acht Tischen gleichzeitig nur noch unser C-Game spielen, erwirtschaften wir dort den größten Profit. Der Tagessatz an vier und acht Tischen ist identisch.

Geht man von einem solchen Spielerprofil aus, liegt es nahe, an acht oder an vier Tischen gleichzeitig zu pokern. Es spielen allerdings noch andere Faktoren eine große Rolle, die uns bei der Entscheidung der Wahl der Anzahl der Tische beeinflussen.

Für die Wahl vieler Tische spricht ein zeitlicher Engpass. Zeit ist ein Luxusgut, besitzen wir wenig davon, liegt es nahe zu multitablen. Auch können wir Freizeit als zusätzliche Belohnung sehen. Wir haben in kürzerer Zeit unsere Arbeit erledigt, können also demnach schon den Feierabend genießen.

Als Gegenpol dazu steht der Stress. Viele Tische gleichzeitig kosten große Aufmerksamkeit und es bedarf gehöriger Anstrengung diese fehlerfrei und konzentriert zu managen. Man trifft extrem viele Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit. Dies führt dazu, dass man früher erschöpft ist und sich ausgebrannt fühlt. Manch einer benötigt nach einer Multitabling-Session die Freizeit sozusagen als Reha.

An weniger Tischen kann man relaxt ohne zeitlichen Stress pokern. Außerdem spielt man vermutlich besseres Poker. Wenn man mehr Zeit für Entscheidungen hat, trifft man auch oft bessere. Eine sehr gute Entscheidung freut einen Spieler und fördert den Spaß am Spiel. Es bleibt also individuell abzuwägen, ob einem die zusätzliche Freizeit oder relaxtes Pokern wichtiger ist. Letztlich trifft es oft zu, dass die meiste Freude die größtmögliche Bankroll beschert.

So muss man auch das Setup Skill vs. Bonus/Rakeback genauer betrachten. Mehr Tische erzeugen folglich mehr Rake. Dies sorgt dafür, dass Bonus- und Rakebackprogramme lukrativer werden. Nehmen wir folgendes neues Beispiel:

 

Anzahl der Tische

Anzahl der Stunden

Gewinn pro Stunde pro Tisch bei

 
 

Stundensatz BB/h

Tagessatz BB/d

 
 
A-Game
B-Game
C-Game
 
 
1
8
10 BB
 
 
10 BB
80 BB
2
8
10 BB
 
 
20 BB
160 BB
4
5
 
8 BB
 
32 BB
160 BB
8
5
 
 
-2 BB
-16 BB
-90 BB
 

Diesem Spieler ist es möglich an zwei Tischen acht Stunden sein A-Game zu spielen. Somit hat er denselben Tagessatz, wenn er zwei Tische acht Stunden oder vier Tische fünf Stunden lang spielt, obwohl die Hourly Rate bei letzterem höher ist. Es scheint nun, dass es finanziell egal ist, für welches Spiel er sich entscheidet. Bezieht man allerdings den Rakeback mit ein, ist das Spielen an vier Tischen lukrativer. Er wird an diesen in fünf Stunden mehr Rake produzieren, folglich auch mehr Rakeback erhalten. Demnach wäre aus Gründen der Gewinnmaximierung Pokern an vier Tischen für diesen Spieler anzuraten.

In diesem Beispiel erkennt man ein zusätzliches Problem des Multitablens, das Egoproblem. Dieser Spieler verliert, wenn er an acht Tischen fünf Stunden spielt.

Man weiß, dass man nur eine gewisse Zeit lukrativ auf vielen Tischen gleichzeitig spielen kann, bevor die Erschöpfung eintritt. Theoretisch ist es auch kein Problem z.B. nach drei Stunden Pokern auf acht Tischen die Session zu beenden. In der Praxis sieht dies jedoch anders aus, vor allem nach einer Verlustsession. Es wird leider zu oft versucht, diese Session solange auszudehnen, bis man sich zumindest nicht mehr im Minus befindet. Dies sorgt aber fast immer für das Gegenteil. Bei fallendem EV, die Konzentration lässt nach und der Tiltfaktor steigt, fällt auch oftmals die Bankroll. Diese Verluste können verhindert werden, wenn Verlustsessions akzeptiert werden. Kein Pokerspieler kann jeden Tag gewinnen.

Multitabling ist grundsätzlich eine tolle Sache und vertreibt die Langeweile. Vor allem kann es die Hourly Rate essentiell steigern. Man sollte jedoch vorsichtig und nicht zu extrem damit umgehen.

Denn wenn ein Pokerprofi schon Nachmittags am Weiher liegt, kann es natürlich sein, dass er dies genießt. Es kann aber auch sein, dass er die Zeit und den Augenblick der Ruhe braucht, um sich vom Burnout zu regenerieren.

 

Kommentare

Veröffentlicht von Göpfi am 12:02 PM, August 29, 2008 | Antwort hinzufügen

Netter Artikel, Birdie.
Weiter so!

Ich kann jedem nur raten, dass er sich nen großen Monitor holen sollte, wenn man effektiv multi-tablen möchte und etwas Geld übrig hat.
Was für ein Luxus das ist.
Vorbei sind die Zeiten mit Spielen in Miniaturansicht...

Veröffentlicht von birdie am 05:39 PM, August 26, 2008 | Antwort hinzufügen

ich habe alle tische nebeneinander, 3x3
hab allerdings einen 30 zoll monitor und da geht es ohne probleme.
meines erachtens ist es wichtig, dass kein overlap da ist, da man so auch die action am tisch besser mitverfolgen kann und einen eindruck gewinnt über die gegner.

Veröffentlicht von Cisolinho am 01:12 PM, August 26, 2008 | Antwort hinzufügen

Guter Beitrag!
Problem ist allerdings auch, wenn ich Sitn Go multitable und einen BadBeat kassiere, bin ich in kürzester Zeit auch bei den anderen Turnieren draussen ;-(

Go on, Birdie!

Veröffentlicht von devoco am 10:53 AM, August 26, 2008 | Antwort hinzufügen

Sehr intressant. Eine Frage habe ich. Spielst du die 8 Tische offen oder stellst Du die Tische übereinander? Was bevorzugst Du? Ich habe in einem Artikel gelesen, das, wenn man die Tische übereinander legt, ein wenig mehr Zeit hat, da man die Maus nicht so weit bewegen muss. Aber dann kann man wohl weniger die Gegner beobachten.

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