ICM Cashwert, finaler Teil 4

Hallo Overcards Community,

meine vorangegangenen Beiträge beschäftigten sich mit der Analyse eines ganz konkreten Spiels. Nehmen wir ein letztes Mal Fahrt auf. Die Keyfacts zur Situation sind:

Ein privates MTT hat gerade die Bubblephase hinter sich.
Die Geldränge sind wie folgt bezahlt:

5.Platz: 25,-
4.Platz: 40,-
3.Platz: 75,-
2.Platz: 120,-
1.Platz: 160,-

Das Spiel startet unter folgenden Bedingungen:
Auf die verbleibenden 5 Spieler verteilen sich insgesamt 280.000 Jetons.
Die Blinds sind bei 1.500/3.000, no Antes.
UTG foldet mit einem ultrashorten Stack von 6.000.
Cutoff raist mit Ks Qh auf 8.000. Ihm verbleiben 15.000.
Button hält 65.000, ist nicht am Platz, foldet folglich.
Small Blind (1.500) foldet mit 54.500 behind.
Big Blind (3.000) ist Chipleader mit 127.000 behind und geht mit 7c 4h all in.
Cutoff bezahlt.

In den vorangegangenen Teilen habe ich vor allem den eröffnenden Raise des Cutoffs behandelt. Heute steht die Bewertung der Reaktionen auf dem Plan.

Wie gut ist das All In des Big Blind?
Wie gut der Call des Cutoffs?

Zum All In:

Es gilt aus den verschiedenen Möglichkeiten des sich dem Big Blind bietenden Handlungsspielraumes den höchsten ICM Cashwert zu finden.
Es stehen im Wesentlichen zwei Alternativen zur Wahl:

BB foldet, damit gewinnt CO das Spiel. Der Cashwert des BB liegt somit bei 124,83 (vgl. 2. Tabelle aus Teil 3).

BB pusht (Ein Call des BB macht nur in Kombination mit einem angepassten Flopspiel Sinn. Vor allem ist hier an die Variante Stop-And-Go, also der Preflop Call in Kombination mit einem All In Betout am Flop zu denken. Somit führt Call unter veränderten Parametern letztlich auch in ein All In Szenario und wird damit in der folgenden parametrisierten Pushbetrachtung indirekt mit abgedeckt.).
Im Pushfall müssen drei Unterfälle betrachtet werden:
- CO foldet, damit steigt der Cashvalue des BB im Vergleich zum Fold um 5,01 auf 129,84.
- CO callt und gewinnt das Spiel. Dann verliert der BB 8,54. Sein Cashvalue liegt dann bei 116,29 wie Tabelle 4 im Teil 3 zeigt.
- CO callt, BB gewinnt das Spiel. Hier gewinnt der BB 10,77, sein neuer Cashwert liegt bei 135,60 wie aus Tabelle 5 im Teil 3 hervorgeht.

Im Falle eines Showdowns hat der BB also nur etwas mehr zu gewinnen als er zu verlieren hat. Dass 74o niemals der hierfür benötigten Siegwahrscheinlichkeit von knapp 50% genügen kann, ist klar. Setzt man den Handrange des CO auf ein gesichertes Overpair zu 74o, so verändert sich der Cashvalue des BB im Mittel um 0,2 * 10,77 - 0,8 * 8,54 = -4,68.
Der Wert des Moves kommt also – wenn überhaupt – über die Foldequity.
Da die negative Veränderung von 4,68 im Falle eines Showdowns - selbst gegen ein zugestandenes Overpair (In Wahrheit hielt der CO nur KQ, was zu einem realen Cashwertminus im Showdownfall von nur 0,82 geführt hat) - leicht kleiner ist als der Zuwachs, falls der CO foldet (5,01), genügt dem BB eine Foldwahrscheinlichkeit von 50% um profitabel All In sagen zu dürfen. Dies ist gerade unter Beachtung des ultrashorten UTG Spielers und der großen finanziellen Sprungs von Platz 5 auf Platz 4 mehr als realistisch.

Zwischenfazit zum Push des Chipleaders:

Die Qualität des Moves ist abhängig von der Einschätzung der Spielqualitäten des CO. Callt der CO immer, so beherrscht der fehlende Showdownvalue von 74o das Geschehen und der BB sollte folden. Gesteht man dem CO die Fähigkeit zu, den recht großen Preisgeldsprung auf Platz 4 und den ultrashorten Spieler im Big Blind des nächsten Spieles zu erkennen, so dürfte die Foldwahrscheinlichkeit leicht die benötigten 50% überschreiten und den All In Zug des BB damit profitabel machen.

Zum Call:

Wieder gilt es, die sich bietenden Optionen gegeneinander aufzuwiegen.
Dem CO stehen nach dem All In Push des BBs zwei Optionen offen:
- Foldet er, so spielt er mit 15.000 Jetons weiter,
- Callt er, so sucht er mit KQo sein Glück im Showdown.

Im Foldfall liegt sein Cashwert bei 54,34.

Callt der CO und gewinnt den Showdown, wächst sein Stack auf 47.500 an. Er besitzt dann einen Cashwert in Höhe von 83,90 (vgl. Tabelle 4 im Teil 3).

Callt der CO und verliert das Spiel, ist er ausgeschieden. Für den fünften Platz erhält er 25, was natürlich seinem Cashwert für diesen Fall entspricht.

Die Deltas zur Benchmark Fold sind also 29,56 für den Gewinn, -29,34 für den Verlust der Partie. Also ziemlich präzise bei 1:1. Isoliert betrachtet ist der Call somit korrekt, gerade wenn man berücksichtigt, dass der CO den BB ja ursprünglich zum Bluff einladen wollte (vgl. v.a. Teile 1 und 3).

Zwischenfazit zum Call:

Der Call per se ist chip- und cashtechnisch for Value. Dies ist er aber nur, weil der CO durch das schlechte Opening zum Großteil selbst das gute Szenario bezahlt hat. Er hat nun also lediglich überproportional hohe Chancen, SEIN Geld wieder zu erlangen.

Gesamtfazit:

Der Cutoff macht keine gute Figur. Er hätte einfach direkt pushen sollen - wie es in dieser Situation wohl die meisten Spieler (mich in einer Live-Situation wohl eingeschlossen) getan hätten. Die ausführliche Analyse hat ergeben, dass durch die eher untypischen Begleitparameter dieser Partie (extremer Shortstack im nächsten Big Blind UND der recht große Sprung des Preisgeldes für den nächsten Platz) ein Fold des CO (selbst im WISSEN um die beste Hand am Tisch) die beste Wahl gewesen wäre.
Der Bigblind hingegen ist wohl nicht gerade zufällig Chipleader. Sein Move zeigt Umsicht und Aggression, also wohl dosierte, kalkulierte Risikobereitschaft. Ich wäre, nachdem ich diesen Zug gesehen und verstanden hätte, vor diesem Spieler gewarnt.

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

Kommentare

Veröffentlicht von zawi am 05:35 PM, September 24, 2008 | Antwort hinzufügen

KQ hat 61% gegen Any Cards, und das reicht wohl im Turnierfinale um alles auf diese Hand zu setzen.

Alles andere wär für mich "Prinzip Hoffnung".
Oder "Prinzip Angst".

Trotzdem wäre wahrscheinlich gleich ein All-In Push sicherer, weil jetzt hat der CO noch die BabyAsse zu "fürchten". Aber selbst gegen ein Baby ists ja noch ein erweiterter Coin Flip, genauso gegen PP.

Ich glaub das ICM ist mehr für SnG Spezialisten gedacht.
Wenn ich als Normalsterblicher ein MTT spiele, dann denk ich doch keine Sekunde an Platz 9 oder 7 oder 4.

Grüße zawi

Veröffentlicht von Zawi am 01:02 PM, September 24, 2008 | Antwort hinzufügen

@Zawi: Das seh ich anders: CO kann immernoch folden weil UTG ein Shorty sitzt der auf jeden Fall vor ihm all in ist (wahrscheinlich in der nächsten Hand). Und einen "Value-Raise" sehe ich da auch nicht, KQ hat nicht besonders viel beat und auch gegen 74o ist er geschätzt nur 60-40 vorne. Und 74o ist noch eine Hand die er sehen will. Hat der Chipleader ein Ace oder ein Pair sieht das ganze sogar noch ziemlich schlecht aus. Interessant wäre noch wie viel % KQ gegen die Range vom CL hat (100%). Bin aber leider gerade bei der Arbeit und kann das nicht nachgucken.

Gruss

Veröffentlicht von zawi am 11:23 AM, September 23, 2008 | Antwort hinzufügen

Eigentlich gefällt mir der Call des Cut Off mit KQ jetzt immer besser. Im Sinne eines 2-Step All-In will er einfach maximal Value aus seiner besten Hand ziehen, also den Chipleader reinziehen, der natürlich dem kleinen Köder des CO nicht widerstehen kann, und dann ausnehmen.

Das All-In des BB ist ein Fehler, weil CO ja schon committed ist (die Fold Equity des BB liegt eher bei null und nicht wie fälschlich angenommen 50 %). Stealing, noch dazu gegen den Chipleader, ist eher unwahrscheinlich, der muss schon was in der Hand haben.

Der Chipleader wollte einfach zeigen dass er seine Blinds nicht hergeben will, und ist dabei in eine Falle getappt.

Veröffentlicht von Angela am 09:55 AM, September 23, 2008 | Antwort hinzufügen

Das klingt schlüssig. Danke für die ausführliche Analyse. Ist gar nicht so einfach, die relevanten Möglichkeiten und die Folgen in Worte zu fassen, ist aber hier - meiner Meinung nach - gut gelungen.

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