win@wynn

Hallo Overcards-Community,

mein Lieblingscardroom in Vegas liegt im Wynn. Ein tolles Ressort, das durch schlichten, dezenten Luxus besticht. Kein Abklatsch von Paris, New York oder Venedig, einfach das Wynn für sich allein. Umso erfreuter war ich über einen privaten Coachingauftrag, als der Kunde dieses Hotel als Trainingsgelände aus erkor. Dort angekommen buchte ich mich zur Pokerrate ein, was eine starke Reduktion des Zimmerpreises als Pro, die Verpflichtung, sechs Stunden täglich Poker zu spielen, als Contra hat. Gut gut, so schlimm ist das nun auch wieder nicht...

Jedenfalls stellen solche Aufträge und die damit verbundenen Aufenthalte neben dem eigentlichen Job eine willkommene Gelegenheit für mich dar, all die Theorie mit der ich mich täglich beschäftige, praktisch unter vernünftiger Samplesize zu testen bzw. meinen aktuellen Skill direkt am Markt der Märkte zu prüfen.
Ich halte es für eine der wichtigsten Aufgaben im Pokersport, sich immer wieder selbst zu hinterfragen. Schlage ich das Gegnerfeld in meinem bevorzugten Spiel noch? Habe ich mich positiv weiterentwickelt? Denn sobald ich auf der Stelle trete, so holen die Gegner auf, mein Edge schwindet, wird schließlich gar zu MinusEV. Doch diese Fragen sind nicht nur unangenehm, sie sind auch schwer zu beantworten, weil man immer nur auf Vergangenheitswerte zurückgreifen kann.
Selbst ein Weltmeister weiß nur, dass er alle geschlagen HAT. Sobald er aber in einer neuen, bestimmten Partie sitzt, kann er nur annehmen, auch hier und jetzt Edge zu besitzen. Mühsam müssen erarbeitete Jetons von denen, die einfach glücklichen Szenarien entsprangen, getrennt werden. Ebenso muss man selbstkritisch Fehler von Pech trennen. Wenn man dann endlich „weiß“, dass man tatsächlich Edge hat, steht ein Sucker auf und eine neue Unbekannte kommt ins Spiel...
Langer Rede, kurzer Sinn: Erfolgreiche Pokerspieler wissen immer nur, dass sie bisher mehrheitlich im Vorteil waren, ob sie es gerade sind, geschweige denn noch länger sein werden, wissen sie nicht. Natürlich nehmen sie das an, ansonsten würden sie ja aufhören zu spielen.

Was hat nun meine Praxisstudie ergeben?
Ich habe 52 Sunden gespielt, etwa die Hälfte 1-3 NLH, die andere Hälfte 2-5 NLH. Ich habe das nicht bewusst balanciert. Es hat sich einfach so ergeben. Mein Strategie zum Sessionopening sieht derzeit so aus: Ich setze mich an den ersten freien Tisch in einem dieser Limits und kaufe mich zunächst mit dem Minimum ein. Das hat mehrere Vorteile: mein tristes Shortstackdasein verpflichtet mich zu einer tighten Preflopselection. Somit habe ich genug Zeit, die Spieler zu studieren und kann nicht in schwierige, tiefliegende Entscheidungen kommen, ehe ich die Spieler kenne. Ich spiele also zunächst einfach die Situation nach Karten, Positon und Potgröße. Kein Image, kein Momentum, v.a. keine Implied Odds.
Besonders halte ich mich an eines der berühmten Zitate aus Rounders: "Listen, here's the thing, if you can't spot the sucker in your first half hour at the table, then you are the sucker." Einmal kam es auch tatsächlich vor, dass ich an einem Tisch saß, der nach meiner Infolage und meinem Spielverständnis fehlerfrei spielte. So lies ich mich – obwohl ich die Partie interessant fand – umsetzen.
Standardmäßig gibt es aber genug Fehler zu finden und meine erste gespielte Hand läutet das Ende meiner Aufwärmphase ein. Meist bringe ich dabei Preflop das ganze Geld unter. Es gibt zwei Arten von Einstiegskriterien. Ich glaube die beste Hand zu haben oder ich glaube squeezen zu können. Letzteres ist mir sogar lieber, selbst wenn ich gecallt werde. Warum? Sagen wir ich habe mich in ein 2-5 Spiel mit 100 eingekauft. Der Tablebulli openraist auf 20 und wird zweimal gecallt. Dann liegen 67 im Pot, wenn die Action zu mir kommt. Stelle ich nun meinen Stack von - sagen wir - verbleibenden 90 ein und werde gecallt, so genügt mir eine Winrate von 40% (>90/227) um es langfristig profitabel zu spielen. Mein eigentlich Value entsteht aber im Metagame: wie gesagt, die Aufwärmphase ist mit dem ersten eigentlichen Spiel beendet. Nun gilt es Images aufzubauen und diese zu vermarkten. Denn nach diesem Spiel spiele ich nahezu immer deepstackt weiter. Entweder hat der gewonnene Pot einen gehörigen Anteil dazu beigetragen oder aber ich kaufe massiv, weil „verärgert“ nach. In jedem Fall habe ich ein eindeutig zu spielendes Image...
Zurück zum Spielergebnis. Unterm Strich hat sich meine Börse netto, also abzüglich aller Unkosten am Tisch, um 1.700 angereichert. Ein Stundensatz von gut 30 also.
Meine Vegasstatistik ist und bleibt langweilig. Bis auf wenige Prozentpunkte Abweichung ergibt jeder meiner bisherigen Vegastrips ein solches Bild. Ich gewinne nicht übermäßig, verliere aber auch nicht. Peaks sind zwar da, nivellieren sich aber bisher immer noch innerhalb der Reise. Eine besonders interessante Partie möchte ich erzählen:

Es handelte sich um die wohl lukrativste Tischbesetzung, die ich die gute Woche über auffand, doch ich verlor 1.000.
Ich saß auf der Eins, für die Positionen Acht bis Zehn also im Schatten des Dealers. Wir spielen 2-5 NLH, ich war mit 200 Min-Buyin dabei. Das Spiel lief recht einfach. In nahezu jeder Hand eröffnet die Acht auf 30, Neun und Zehn callen. Es kommen also pro Orbit etwa sieben 100er Pots auf mich zu. Ein Orbit kostet mich aber nur 7 an Blinds. Ein Wunderland! Die Dollar wachsen auf den Bäumen, ich muss sie nur abernten. Leider leichter gesagt als getan: mein erster Push mit KK wird von der Acht mit 88 gecallt. Und weil gerade so viel von Achtern zu lesen ist: Eine weitere 8 am Board lässt Seat Acht jubeln. Rebuy; ich bleibe ausnahmsweise aber short, weil ich das Spiel in dieser Form für am lukrativsten halte. AK pushe ich und die Acht callt again mit JJ. Das finde ich nun schon bemerkenswert. Ich spiele doch gegen drei Preflopoptimisten! Wieso hat immer gerade der Opener eine legitime Hand, wenn ich pushe? Naja, 2 aus 2, was ist das für eine Statistk? Ich schäme mich...
Jedenfalls entwickeln JJ ungeahnten Straighvalue und ich muckte meine zweite Hand verdeckt, kaufe ein drittes Mal 200 nach. Ich Pushe TT, um in AA auf Seat – Na? Ja wirklich: Seat Acht zu laufen. Die beste Hand soll gewinnen! Wenn das nur immer so wäre...
Rebuy #4 in Höhe von weiteren 200 bleibt uncontestet und ich adde zum showdownfrei erspielten Stack in Höhe von nun 400 weitere 200, um mit 600 in ein deepstack Spiel zu switchen. Dies gelingt auch ganz nett, ich flope mit J9 bei einem T87 Board, die Nuts. Seat Acht mit T7 geht nicht unberechtigt meine Massive Flopaction mit ins All In. Den 1.300er Pot gewinnt er durch Full House. Glückwunsch!
Ein toller Tisch, mit einem sehr seltenen Verlauf, allein, das ich immer gegen die Acht, nie gegen die Neun oder Zehn spielte, ist markant. Dann, dass er immer wirklich auch eine legitime Hand hatte, wenn ich entschied zu spielen, hätte ich bei knapp 80% Openraise-Frequenz nicht erwartet. Was soll's? Er hat sich hoffentlich einen netten Abend gemacht mit meinen Lappen.
Mein Abend ging übrigens schon seltsam los und ich hätte wohl gewarnt sein sollen:
Ich sah mir einen Boxkampf im Mandalay Bay an. Als wir die Arena betraten gab es noch drei Vorkämpfe und den Hauptkampf zu bestaunen. Obwohl ich kein großer Freund von Wetten ohne PlusEV bin, habe ich mich breitschlagen lassen und wir haben auf jeden der vier Kämpfe gesetzt. Zur Unterhaltung quasi. Um das Absurde einer solchen Wette zu unterstreichen, wollte ich im ZickZack wetten. Ich habe also auf den am Flyer linksstehenden, dann auf den rechtsstehenden usw. gewettet. Der Hauptkampf sollte mit doppelten Einsatz gespielt werden. Beim Bud-holen frage ich einen Platzanweiser, wer denn in welchem Kampf favorisiert sei. Ich lag nach Meinung dieses Experten in den Kämpfen 1, 2 und dem Hauptkampf vorne. Nur in Kampf 3 hatte mich mein ZickZack Kurs zum Dog geführt.
Doch nun zu den Kämpfen: Kampf 1 dominiert mein Kämpfer, er liegt selbst für einen Laien wie mich klar vorne. Doch dann erwischt ihn ein Treffer am Kopf, er geht zwar nicht zu Boden, doch ab da verliert er Runde um Runde, so dass mein sicher geglaubter Sieg am Schluß in ein im Boxen sehr seltenes Unentschieden mündet. Kampf 2 beginnt mit einem Feuerwerk meines Hühnen, der Kampf scheint in der ersten Runde zu Ende zu gehen. Mein Kämpfer ist wesentlich größer, er ist der einzige, der zuschlägt. Doch als er dem ungleichen Schauspiel ein Ende setzen will, muckt der kleine Feind kurz auf und streckt meinen Banker nieder, der nicht mehr aufstehen will. Ich hingegen stehe, brülle sogar, ich kann es einfach nicht fassen. Kampf 3, hier bin ich Dog, doch dieser erstaunlich ausgeglichene Kampf entwickelt sich gut für mich. In Runde Acht kann sich mein Boxer befreien und er schlägt nach einer langen Kombination (wahrscheinlich Achterkombi) unseren Gegner nieder. Er und ich stehen in Siegerpose. Er im Ring, ich in den hinteren Rängen umringt von Latinos. Doch erstmalig kommt Michael Buffer, die Stimme des Boxsports, in den Ring. Ein Simpatieträger, jetzt? Ich ahnte sofort, dass dies nichts Gutes verhies. Mit seiner bekannt sonoren Stimme verkündete er die Disqualifikation meines Kämpfers. Er habe wohl den Hinterkopf seines Widersachers getroffen. Somit war ich 0,5 : 2,5 hinten und konnte mich durch den Hauptkampfsieg des Favoriten in ein wetttechnisches Unentschieden retten. So ist das. Zum Wettabschluss ist es natürlich 50:50, weil ich ja wahllos getippt habe. Aber, wenn man dann schon das Glück hat mehrheitlich Favoriten zu treffen, „verliert“ man gefühlt, wenn man nicht gewinnt...
Schade, dass es im Ring nicht auch einen Suckout im alles entscheidenden Endkampf gab, dann wären die doch recht parallelen Stories geradezu deckungsgleich, was mich zumindest als Mathematiker erfreut hätte.

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

Kommentare

Veröffentlicht von Tim am 08:49 AM, November 03, 2008 | Antwort hinzufügen

Netter Eintrag, aber warum spielst du so kleine Limits in Vegas? Kann man nicht bei höheren Limits in Bezug auf Metagame viel besser spielen?

Veröffentlicht von mmatluke am 10:41 PM, October 16, 2008 | Antwort hinzufügen

jo cool zu lesen :)

Veröffentlicht von Marco am 04:49 PM, October 16, 2008 | Antwort hinzufügen

Netter Blog bitte mehr.

Veröffentlicht von Angela am 02:09 PM, October 16, 2008 | Antwort hinzufügen

Etwas Theorie - nett verpackt und im Praxiseinsatz... Prima Beitrag, weiter so! :-)

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