Warum Cashgamer konservativ sind

Angenommen ich fühlte mit dieser berühmt berüchtigten unbestimmten Bestimmtheit, dass am Wochenende Leverkusen gegen Wolfsburg, Schalke in Cottbus und am Bökelberg gegen Frankfurt gewonnen wird.
Gut für mich, dass ich das schon heute weiß und nicht erst zum jeweiligen Abpfiff. So kann ich mir mein Wissen bezahlen lassen. Moderne Gelddruckereien, auch Wettanbieter genannt, vergolden das eingesetzte Kapital, wenn man ihnen die Spielergebnisse vor Spielbeginn verrät. Möchte ich nun z.B. 300 investieren, so kann ich das auf verschiedene Weise tun. Ich kann zum Beispiel jeweils 100 auf die Einzelergebnisse wetten, oder aber die gesamten 300 auf die Kombinationswette Leverkusen, Schalke und Gladbach setzen.
Auszahlungstechnisch macht es einen gravierenden Unterschied, ob ich mich für die Kombi oder die Einzelwetten entscheide. Nehmen wir der Einfachheit zu Liebe an, es handle sich jeweils um Wetten im klassischen Sinne, also zu einer Quote von jeweils 2,0. Das sind Wetten wie man sie aus dem Freundeskreis kennt, wenn man zum Beispiel um ein Abendessen wettet, 1:1 also.

Bewahrheitet sich meine Orakelei, so nannte ich die Wettbüros zu Recht Gelddruckereien und ich fahre mit der Kombi bei weitem am besten. Ich bekäme eine Auszahlung in achtfacher Höhe des Investments also 2.400. Das macht 2.100 Reingewinn.
Nicht schlecht. Warum überhaupt über Alternativen nachdenken?

Weil Wettanbieter eben keine Geldautomaten sind, weil ich eben leider nicht wirklich weiß, wie es kommen wird. Ich halte lediglich jeden Sieg der gewählten Mannschaften für wahrscheinlicher als nötig, also bei einer Quote von 2,0 für wahrscheinlicher als 50%. Deshalb wette ich, weil ich PlusEV sehe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Selbst wenn ich zweimal richtig liege, mich also nur einmal irre, verliere ich die gesamte Kombi und meine 300 gehören der Katz.

Insgesamt gibt es 8 verschiedene Möglichkeiten, wie sich drei Wetten realisieren können.
Jede Einzelwette wird entweder gewonnen oder verloren. Es gibt also zwei Ausprägungen pro Wette. Dazu muss jede Wettausprägung mit den Resultaten der anderen beiden Wetten kombiniert werden, was 2^3 also 8 verschiedene Lines ergibt:

Leverkusen Schalke Gladbach
3 aus 3 Sieg Sieg Sieg
2 aus 3 Sieg Sieg kein Sieg
2 aus 3 Sieg kein Sieg Sieg
2 aus 3 kein Sieg Sieg Sieg
1 aus 3 Sieg kein Sieg kein Sieg
1 aus 3 kein Sieg Sieg kein Sieg
1 aus 3 kein Sieg kein Sieg Sieg
0 aus 3 kein Sieg kein Sieg kein Sieg

Die Kombiwette verliert 7 der 8 Lines, die achte Line aber ist ein Jackpot.

Einzelwetten sind da wesentlich konservativer. Wie man obiger Tabelle entnehmen kann, gewinnt die erste Line 300, falls man je 100 auf die Spiele gesetzt hat. Die drei Reihen mit „2 aus 3“ in der ersten Spalte gewinnen 100, die folgenden drei Reihen verlieren je 100. Nur die letzte Reihe steht für den Totalverlust der 300.

Man kann die Systeme ineinander überführen. Da ja Leverkusen am Freitag, Schalke am Samstag und Gladbach am Sonntag spielt, kann ich am Freitag 300, auf Leverkusen, dann die gewonnenen 600 auf Schalke und schließlich die kompletten 1.200 auf Gladbach setzen. Gewinnen alle drei, so habe ich 2.400. Geht aber auf dem Weg zum Sonntagsfinale etwas schief, so ist Feierabend. Es handelt sich also um die identische Auszahlungsregel wie bei der Kombivariante.

Nun die entscheidende Frage: Will ich am Sonntag 1.200 auf Gladbach setzen? Wenn ja, dann ist alles in Ordnung. Wem aber diese Risikobereitschaft fehlt, der sollte sich nicht durch Kombiwetten latent zu eben solchem „überreden“ lassen.

Was hat dies alles mit Poker zu tun?

Der obige Abschnitt behandelt nichts anderes als die Frage, ob ich Turnierpoker oder aber Cashgame spielen möchte.

Der Cashgamer ist der Einzelwetter. Er kauft sich mit 100 in eine Partie ein, verliert diese oder „verdoppelt“. Ebenso macht er es in Partie Zwei und Drei. Er muss schon in allen drei Partien seinen Stack verlieren um wirklich -300 zu spielen. Sobald er in einer der drei Partien gewinnt, ist er weit vom Totalverlust entfernt.
Der Turnierspieler hingegen kauft sich mit 300 in ein Turnier ein und hangelt sich quasi durch das oben erläuterte Wochenende.
Schafft er es in einem Feld von 100 Startern mit Averagestack unter die letzten 50, so hätten seine Jetons nun einen Marktpreis von 600, doch dieser ist rein fiktiv. Das Turnier geht weiter. Schafft er es unter die letzten 25, so verdoppelt sich wieder sein Chipvalue, doch das Endspiel bis zur Bubble steht noch bevor. Erst am Finaltable winken die großen Gelder. Zugegeben: Es handelt sich um größere Gelder als im Cashgamealltag, aber diese Trauben hängen auch höher und man durchwandert längere Durststrecken in der Wüste namens Varianz.

Zahler zocken – Könner kalkulieren
Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

Kommentare

Veröffentlicht von Anonym am 11:38 AM, November 03, 2008 | Antwort hinzufügen

Hallo jungs
echt starker artikel von stephan, stimmt alles was er sagt.nur die vereinfachung mit den 2,0 quoten klappt in der realität meistens nicht.s.h auch diese vorgeschlagegenen wetten,welche meistens etwas drunter lagen jedoch die quote über 2,0(gladbach) falsch gewesen wäre.
@brause:ich weiß nicht genau ob es bücher für sportwetten gibt,aber falls doch,sind sie alle sinnlos.
Meiner Meinung nach musst du aktuelle formkurven statistiken und auf verletzte achten.Zudem ist ein bacuhgefühl verdamt wichtig;),welches ich z.b. am wochenende mit Köln hatte:)

Viel spaß euch noch und stefan mach weiter so...

Veröffentlicht von cyber am 10:16 AM, November 03, 2008 | Antwort hinzufügen

Wie schon richtig erkannt wurde, wird auf dem Bökelberg schon seit mehreren Jahren nicht mehr gespielt. Mit solchem Wissen würde ich das Sportwetten sowieso lassen. ;)

Veröffentlicht von Brause am 01:22 PM, November 01, 2008 | Antwort hinzufügen

Hallo Stephan,

ich hätte da mal eine Frage wegen den Sportwetten. Da ich immer wieder mal versuche durch Wetten ein bissel geld zu verdienen es mal klappt, dann wieder Serien mit vielen Niederlagen gibt, wüßte ich gerne welche Bücher für Sportwetten, insbesondre Fußball, ratsam sind. Kannst Du da vielleicht ein paar Tipps geben?

Veröffentlicht von Rdy2Bet am 11:43 AM, November 01, 2008 | Antwort hinzufügen

mal ganz nice erklärt, der Varianzunterschied zw. Cashgames und Turnieren....ich bin und bleibe wohl der Turnierspieler (Medium SNGs und MTTs), bei cashgames ewig auf ne Hand warten, die spielen evtl. auch verlieren (AK is ja noch keine Garantie, ne) und dann heisst aufstocken und wieder warten....bin ich einfach nich geboren zu....

Veröffentlicht von Angela am 11:29 AM, November 01, 2008 | Antwort hinzufügen

@ Anonym: Wo wurde denn hier der Turnierspieler zum Zocker abgestempelt? Es wurde doch nur erklärt, weshalb Gewinne im Turnier (im Vergleich zum CG = Einzelwette) viel schwieriger zu erzielen sind... ich finde die Erläuterung sehr einleuchtend.

Veröffentlicht von Anonym am 04:57 AM, November 01, 2008 | Antwort hinzufügen

aufm bökelberg wird aber schon länger nimmer gespielt ;)

Veröffentlicht von Ghostwriter0 am 11:31 PM, October 31, 2008 | Antwort hinzufügen

Ich kann Stephan da nur zustimmen. Hab damals als Oddset neu auf den Markt kam ab und an mal gespielt, aber es nervte mich ziemlich, dass man nicht auf einzelne Spiele tippen konnte. Einmal daneben, Geld weg... Doof...

Da setzte ich zu EM oder WM Zeiten lieber auf einzelne Ergebnisse, mache damit dann zwar weniger Gewinn, aber das Risiko alles zu verlieren ist geringer.

@Anonym: Du hast das Beispiel nicht wirklich verstanden. Es ging darum drei Wetten für je 100 zu platzieren, bzw. eine Kombiwette für 300. Die drei Einzelwetten stehen dann im Pokervergleich stellvertretend für die 3 Stacks im Cashgame, die Kombiwette für ein MTT.

Mit dem einen Stack im Cashgame kann ich erstmal nur verdoppeln, wie im Beispiel mit der Sportwette. Bei einer Kombinationswette kann ich jedoch bedeutend mehr gewinnen, was im MTT im Gegensatz zum (ersten) Verdoppler im Cashgame möglich ist.

Falls ich jetzt Blödsinn geschrieben habe korrigiert mich ruhig!

Veröffentlicht von Anonym am 05:23 PM, October 31, 2008 | Antwort hinzufügen

was ein blödsinn!!! der turnierspieler kann doch auch turniere mit 50 oder noch niedriger spielen, genau wie der cashgamespieler auch mit 300 einsatz im cashgame spielen könnte. turnierspieler als zocker abzustempeln, ist einfach naiv!

Veröffentlicht von Jürgen am 01:34 PM, October 31, 2008 | Antwort hinzufügen

Stephan, grüss dich.
Habe mich auch schon des Öfteren mit den 2 Varianten des Poker beschäftigt und dabei festgestellt dass ich wohl beim Cashgame besser aufgehoben bin. Die Verdeutlichung anhand der Fussballwetten finde ich recht passend. Gut geschrieben:) Will mich an der Stelle auch nochmal für letzten samstag bedanken, beim Stammtisch. Sehr gut organisiert, danke dafür.
Bis bald.

Grüsse

Veröffentlicht von mat_luke am 01:16 PM, October 31, 2008 | Antwort hinzufügen

schön geschrieben, anschaulich erklärt.

wenngleich die ganze sache natürlich nicht ganz so leicht ist wie nur das :)

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