Overcards Xmas Open – ein Nachruf

Hallo Overcards-Community,

ca. 250 Teilnehmer waren unserer Einladung zur vorweihnachtlichen Kopfgeldjagd gefolgt. Der Preispool der Xmas Open lag demnach bei knapp $1.300, was eine Siegprämie von vielleicht $ 400 ergab. Jede Bloggerbounty war mit $750 ca. doppelt so hoch wie der erste Platz prämiert. Auch die Prämien auf jeden meiner Teammates von PokerProStartUp.net lag mit $250 auf Runner-Up-Niveau.

Ich hatte passende Strategien für ein solches Setup in meinem letzten Eintrag schon angerissen, heute möchte ich noch ein wenig tiefer darauf eingehen.

Was macht erfolgreiches Spiel aus?

In meinem Part der Pokermatrix bin ich näher darauf eingegangen, letztlich dreht es sich einfach darum, Edge zu finden und dieses auszunutzen.

Wo lag bei den Xmas Open das Edge?

Vielleicht spielt der Overcards-Leser besser als der Blogger, dann liegt auch hierin Edge. Doch vor allem war es doch das gigantische Overlay, das es jedem Teilnehmer ermöglichte, sein Startgeld mit PlusEV arbeiten zu lassen. Das Kollektiv der 250 Spieler hatte knapp $1.400 (inkl. Rake) einbezahlt, es wurden aber gut $8.000 wieder ausbezahlt. Das macht ja der wundersamen Brotvermehrung aus der Bibel Konkurrenz. Man legt zusammen, teilt wieder aus und am Ende hat jeder mehr als zu Beginn. Der Löwenanteil des Edge war also schon gefunden, sobald man sich registriert hatte.

Wie nutzt man dieses aus?

Im Poker versucht man jede Situation aufzupumpen, von der man sich mehr Chancen als Risiken verspricht. Für Cashpartien ist das am leichtesten zu definieren:

Gewinnwahrscheinlichkeit multipliziert mit Gewinn
muss mehr ergeben
Verlustwahrscheinlickeit multipliziert mit Verlust.

Für Turnierpoker stimmt das schon nicht mehr so ganz und man bedient sich des Independent Chip Models, um nach lukrativen Szenarien filtern zu können.

Bei einem Spiel, wo ein sehr schwer zu erreichender erster Platz nur halb so viel einbringt als sechs relativ direkt zugängliche Kopfgelder, ist es logischerweise suboptimal, klassisch auf Sieg zu spielen. Gute Pokerspieler erkennen, was hier eigentlich gespielt wird und sind nicht ihrer statischen „Hold'em Turnierpoker Welt“ gefangen. Sie abstrahieren verstandene Konzepte und wenden diese auf konkret gegebenen Umstände an.

Dies bedeutet vor allem, dass man jeden Bountyspieler, den man covert unabhängig von der eigenen Starthand in eine All-In Situation zwingen muss. Warum ist das so?

Dies exakt vorzurechnen, führt eindeutig zu weit. Doch schon ein Anriss der Situation zeigt alles Wesentliche: Sind vielleicht noch 200 Spieler im Turnier und man hat doppelten Averagestack, also 1% aller verteilten Jetons, so sind diese vielleicht gerade mal $13 wert – 1% des Preigeldes eben. Man ist also in einer tollen Situation und trotzdem sind die Chips nicht wirklich wertvoll.
Geht nun ein Bountyspieler All-in und man covert ihn, so ist der Call mit jeder Hand Pflicht! Denn nur wenn man weniger Siegchancen als $13 / $750 = 1,8% hätte, wäre ein Fold korrekt. Hierbei habe ich Nebeneffekte wie den Wert der Jetons, für das Restturnier, falls man gewinnt, oder den Restwert der Jetons, falls man verliert, zu Ungunsten meiner Behauptung nicht mit einberechnet. Preflop gibt es ohnehin kein Setup mit zu wenig Siegchancen für einen Call egal unter welchen weiteren Umständen. Und Postflop? Postflopspiele kann es nicht geben, weil der Bountyspieler niemals diese Runde erreichen darf, wenn seine Gegner intelligent spielen.

Das Spiel ist also theoretisch auf Folgendes zu reduzieren: Zu Beginn des Turniers covert der Bountyspieler niemanden. Sobald er versucht in eine Partie zu kommen, setzen ihn alle, die ihn covern notwendigerweise All-in. Gibt er auf, so verliert es Chips. Callt er aber, so kann er sich aus seiner misslichen Situation befreien, denn nach solch einem gigantische Pot covert ihn zunächst niemand mehr und sein eigentliches Pokerspiel beginnt.

Vor den Open hatte ich angekündigt wie ich spielen werde:

„Ich involviere mich so selten als möglich und wenn, dann mit der hoffentlich besten Hand im Spiel um alles gegen wahrscheinlich Viele. Sollte ich diesen Keypot tatsächlich überleben, covert mich vielleicht keiner mehr und ich beginne Poker zu spielen.“

Wie verlief das Turnier tatsächlich:

Ich foldete ca. 40 Minuten lang. Dann erhielt ich mit 2.700 Reststack (Start war bei 3.000) AK in Midposition und einem Raise vor mir auf 2,5 BB bei 75/150. Der Raiser hatte exakt gleich viele Chips als ich. Hinter mir saßen noch 4 weitere Spieler, die mich coverten. Der Spot war also wohl lukrativ für mich und ich wollte hier gerne meinem Foldtrauerspiel ein Ende setzen – so oder so. Plus EV war es allemal, da ich von 4 Randomcalls und einem Call eines Pocketpairs (darauf setzte ich den Opener am ehesten) ausging. Ich zog also erst- und letztmalig All-in. Ich wurde von Q5o und J9s korrekterweise bezahlt. Der Opener aber foldete, was als eines der vielen ungelösten Rätsel in die Geschichte des Pokersports eingehen wird. Der Rest ist dann Varianz, in diesem Falle in Gestalt eines Flushs für J9s. Aber das tut nicht wirklich was zu Sache.

Ich wuensche euch und euren Lieben besinnliche Feiertage.

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

Kommentare

Veröffentlicht von Angela am 10:31 AM, December 30, 2008 | Antwort hinzufügen

@ Anonym: Du kannst gerne beim "Du" bleiben, und das Merkel lass mal weg.... soll ja tatsächlich noch mehr Leute geben, die den gleichen Vornamen tragen! ;-)

Veröffentlicht von Anonym am 03:28 PM, December 27, 2008 | Antwort hinzufügen

Recht so Frau Merkel. Wusste nicht, dass sie Pokern. Grind on! :)

Veröffentlicht von Angela am 07:19 PM, December 21, 2008 | Antwort hinzufügen

Ich denke, es muss sich niemand ärgern. Stephan hat seine Strategie vorm Turnier genau erklärt. Und es sollte jedem klar gewesen sein, dass hier kein normales Poker gespielt wird, sobald ein Bounty am Tisch ist. So war es dann auch, und ich war nicht wirklich überrascht darüber.

Ich habe die erste Möglichkeit für den call gegen Bounty mit wahr genommen...obwohl die Gewinnaussichten winzig waren. Folgende Überlegung spielte dabei auch eine Rolle: a) JETZT cover ich den Bounty noch, später ist der Bounty entweder raus, oder er covert mich um ein Vielfaches. b) Wie oft werde ich im weiteren Verlauf noch einen Bounty-Spieler am Tisch haben? ...wie man im Chat verfolgen konnte, waren nicht an jedem Tisch Bountys zu holen - und nach und nach waren auch nur noch wenige Bountys übrig. Die Chance, auf einen neuen Bounty-Spieler zu treffen, war also recht klein. c) wenn es sogar +ev ist, mit JEDER Hand gegen den Bounty-Spieler anzutreten, dann ist eine Hand wie ein kleines Pocket-Pair auf jeden Fall geeignet. d) da sich Bounty ohnehin nur selten beteiligt, müsste ich lange warten, bis so eine Gelegenheit wiederkommt.

Das war eben kein normales Turnier. Aber das wussten wir doch alle vorher. Obwohl früh ausgeschieden: Ich sehe keinen Grund, mich zu ärgern.

Angela

Veröffentlicht von rendalli am 04:18 PM, December 21, 2008 | Antwort hinzufügen

Das sind interessante Überlegungen für ein Turnier, bei welchem die Parameter ins Extreme verschoben sind und offenbar war dies ja der Fall. Grösstenteils stimme ich diesen Überlegungen auch zu. Die Strategie der Bounty-Spieler scheint glasklar zu sein (so wie hier beschrieben). Sie müssten dann auf lange Sicht bezüglich des Turnierpreispools eine riesige Edge haben, richtig?

Ein wichtiger Aspekt wird jedoch ausser Acht gelassen: der Erwartungswert des Pushes gegen den Bountyspieler wird mit dem Erwartungswert, den ich am ordentlichen Preisgeld habe verglichen. Dies vereinfacht die Sache meines Erachtens zu sehr.

Man müsste die Equity, die ich beim 5-händigen All-In Gamble habe mit meiner Total-Turnierequity vergleichen. Diese beinhaltet natürlich den Anteil am normalen Preispool (z.B. 13$; wie beschrieben). Dazu käme jedoch noch die Equity, die ich habe, wenn ich dem ersten gegamble aus dem Weg gehe und dann im späteren Verlauf einen Bountyspieler vom Tisch nehme. Dieser Teil ist sicher mehr als die 13$, denn ich müsste bei einem Fold ja nur in 1.7% der Fälle im weiteren Verlauf einen Bountyspieler vom Tisch nehmen um mir zusätzliche 13$ zu sichern.

Habe ich z.B. 63os und weiss, dass 5 oder 6 Spieler mitziehen werden, dann schätze ich meine Equity mal auf 8%, was 60$ entspricht. Ich müsste bei einem Fold und einem Anteil am normalen Preispool von 13$ also 47$ an zusätzlicher Bounty-Equity herausholen.. D.h. schaffe ich es bei einem Fold in ca 6.5% der Fälle, im folgenden Verlauf des Turniers einen Bountyspieler vom Tisch zu nehmen, dann wäre der Fold korrekt.

Was ich hier meinerseits ausser Acht lasse ist die Tatsache, dass wenn ich den Megapot gewinne, meine Stacksize so gross sein wird, dass meine "Bountyequity" extrem steigt, da ich danach fast alle Bounties gecovert haben werde, was wiederum klar für das gambeln spricht...
Eigentlich schade, denn im Prinzip schliesse ich mich den Worten von luckbox1989 an. Ich finde der Preispool ist hier bis zum Exzess zugunsten der Bounties polarisiert, was einige schöne Rechenspiele mit sich bringt, aber für "echtes" Pokern wohl eher Gift ist.

Dies soll natürlich keine grundsätzliche Kritik an diesen Overcards-Turnieren sein, da der Overlay ja offenbar wieder einmal phänomenal war.

Veröffentlicht von quicksand am 04:17 PM, December 21, 2008 | Antwort hinzufügen

Hi Hi,

mal eine Frage an einen guten Stochastiker, wie sieht es mit den Wahrscheinlichkeiten aus wenn man bei 250 Spielern 16 Spieler mit Bounty hat und während des Turniers bis Platz 78 ganze 3-mal umgesetzt wird aber nicht einmal auf einen Bounty Spieler trifft?
Hier müsste ja unter anderem einfließen dass Bountys unregelmäßig verteilt werden und sich mehr als einer am Tisch befinden kann.
Ich wäre wirklich dankbar für eine Rechenhilfe, um bei Bounty Turnieren nicht nur von +EV zu sprechen sondern eine Größe zu finden die es mir erlaubt auch bei Bounty- Turnieren mit >5$ BuyIn eine Edge zu errechnen.

Danke schon mal im Voraus
dolfinz

Veröffentlicht von luckbox1989 am 02:09 PM, December 21, 2008 | Antwort hinzufügen

hey stephan guter artikel, aber ist das der sinn eines solchen turniers, kann mich damit nicht anfreunden, war mit 2 bounties am tisch und es wurde nur gepusht. meine ansicht des turniers ist:nach 10 min ist alles gelaufen. über 50% der hochbezahlten bounties( 750$) sind raus. der rest hat mind verdoppelt oder verdreifacht mit AA oder ähnlichem. du warst da glaub ich so ziemlich ne ausnahme, die über 40 min gefoldet haben und auf ein monster warteten...habs aber dann auch nicht mehr verfolgt weil ich ziemlich sauer war.
wie siehst du meinen Aspekt?

lg luckbox

Veröffentlicht von papamuja am 01:49 PM, December 21, 2008 | Antwort hinzufügen

Ist alles wunderschön. Aber ich habe mich immerhin etwa 2 Stunden im Turnier gehalten, an 5 verschiedenen Tischen gesessen und KEINEN EINZIGEN Bounty-Spieler jemals an meinem Tisch gehabt.

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