TV Total PokerStars.de Nacht

Man kann ja von Stefan Raab Vieles behaupten, aber er ist nicht dumm. Keineswegs, viel mehr ist er sehr clever und weiß es, sich im deutschen Fernsehen spektakulär zu vermarkten und die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben. Mit aberwitzigen Shows lockt er die Leute vor den Fernseher und das Motto kann fast nur „schneller, höher, weiter“ lauten. Sei es „Schlag den Raab“, die „Wok WM“, die „Stock Car Challenge“ oder Turmspringen. Zu Gast sind meist 1-2 halbwegs bekannte Kommentatoren und Showgäste, die man irgendwann mal im deutschen Fernsehen zu Gesicht bekommen hat und mit denen sich fast jede Zielgruppe identifizieren kann. Das Marketing Konzept wirkt und vor allem Jugendliche sehen sich fast alle Sendungen an. Nun hat sich eine Pokerseite gedacht, nehmen wir einen deutschen Entertainer und produzieren mit dem zusammen ein Format, das lässt sich doch sicherlich gut verkaufen und zudem bekommen wir dann auch noch viel mehr Spieler online. Dabei herausgekommen ist dann die „TV Total PokerStars.de Nacht“ und praktischerweise kann man sich bei Pokerstars über mehrere Stufen - praktischerweise beginnend mit einem Freeroll - qualifizieren und ein Glücklicher darf dann vor laufenden Fernsehkameras beweisen, das er online zu recht so weit gekommen ist und massenhaft Suckouts und Bad Beats überstanden hat … denn eins ist ganz klar: Mit Skill kommt man bei diesem Format nicht weit, sondern die Chancen sind annähernd so hoch wie ein Sechser im Lotto – doch was noch schlimmer ist, beim TV Finale ist es dann fast genauso schlimm.

Gestern fand also wieder eine Ausgabe dieses Events auf Pro Sieben statt und Gastgeber Stefan Raab lud wieder eine illustre Runde inklusive dem Online Qualifikanten ein. Neben Stefan Raab traten sein ehemaliger Showpraktikant und mittlerweile etablierte „Ulkfigur“ im deutschen TV, Elton sowie Ex-Fussballspieler und mittlerweile Co-Trainer Mario Basler, Online Qualifikant Steven und Boris Becker nebst „Ex-und-jetzt-doch-wieder-Freundin“ Lilly Kerssenberg an. Wie immer begann alles mit etwas Smalltalk, flapsigen Sprüchen und dem Erklären der Regeln. Nicht fehlen durften natürlich der Moderator Oliver Welke, der durch die Show führte sowie Pokerkommentator Michael Körner. Man hätte eventuell zu Beginn der Sendung sagen können, dass dies keine Infotainment Sendung sondern eine Entertainment ist und somit alle ernsthaft an Poker interessierten Zuschauer eindringlich warnen sollen, nicht weiter zu schauen. Nun ja, man kann leider nicht alles haben … . Für alle absoluten Neueinsteiger die bisher noch gar nichts über Poker gewusst haben, war die Sendung sicherlich ein netter Vorgeschmack und hat genau den Zweck erfüllt, den Pokerstars sich von dieser Veranstaltung vorgestellt hat: noch mehr kleine Fische an das Online Poker heranführen – dann dort kann man ganz gut in den 12.000 Mann Freerolls üben und wird dort immer sehr gutes Poker geboten bekommen. Aber kommen wir wieder zurück zu dem Sit and Go in geselliger und lustiger Runde vor TV Kameras.

Bereits in der zweiten Hand durfte sich Werbe-Ikone Boris Becker von einem Großteil seiner Chips verabschieden und diese wanderten schnurstracks zu seiner Lebensgefährtin Lilly – wenig später war es dann auch um das Mitglied vom Pokerstars Team geschehen und er musste sich Mario Basler geschlagen geben und durfte somit nach einer eher glücklosen Vorstellung als Erster Platz nehmen in der Loser Lounge. Auch wenn seine Initialen BB vermuten lassen, dass er mehr als nur den „Big Blind“ mit der Thematik Poker zu tun hat, so scheint es allerdings zwischen dem Tennisplatz und dem Pokertisch doch noch einen relativ großer Unterschied zu geben – der Belag ist auch grün, allerdings wird hier eher auf Filz gespielt und nicht wie früher auf Rasen in Wimbledon. Auch waren seine weiteren Kommentare im Prinzip Beweis genug, das er beim Poker noch sehr viel zu lernen hat und die Teammitgliedschaft bei Pokerstars nicht unbedingt auf Grund seiner Pokerkünste erworben hat, sondern dies viel mehr seinem Status als Werbe-Ikone, bekannter Ex-Sportler und bekanntes Gesicht im deutschen Fernsehen zu verdanken hat. Man hatte mehrere Male das Gefühl, dass er sich eher zu einem Kommentar genötigt sah als eine wirklich spielentscheidende und hintergründige Einschätzung abzugeben – wieso allerdings Moderator Oli Welke immer zustimmte, das wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Kommen wir lieber zu dem Geschehen am Pokertisch zurück, das vor allem von der äußerst aggressiv aufspielenden Lilly Kerssenberger dominiert wurde. Was Ihr an Erfahrung fehlte, machte Sie mit furchtlosen Bluffs und Kartenglück wett und das musste auch der Online Qualifikant Steven kurz darauf sehr unglücklich erfahren. Bis dahin war er weitestgehend zurückhaltend unterwegs gewesen und wollte nicht als Erster ausscheiden, was bei den Preisgeldern für einen Online Qualifikanten auch nicht weiter verwunderlich ist. Er erhöhte mit einem Paar 9er preflop und wurde von Lilly gecalled, der flop brachte 2 4 8 und somit hatte Lilly Bottom Pair und Steven das Overpair, dies hielt Lilly aber nicht davon ab, alle ihre Chips in die Mitte zu schieben und der Online Qualifikant riskierte seinen Turnierverbleib mit „nur“ einem Paar 9er. Er hätte es eigentlich besser wissen sollen, das er keine Chance gegen das Glück von Lilly mit der „Doyle Brunson Hand“ 10 2 hatte. Bereits im Turn kam die 10 und somit war der Auftritt des Online Qualifikanten beendet und er musste sich mit dem 5. Platz und 5.000€ zufrieden geben.

Nach und nach kehrte Ruhe ein, doch Stefan Raab wollte sich das Heft nicht so einfach aus der Hand reißen lassen und gewann einen großen Pot mit einem Paar 10er gegen Ass Bube von Lilly, somit war er wieder in einer ganz guten Ausgangsposition. Als dritter Spieler musste Mario Basler den Tisch verlassen, der trotz seiner damaligen Eskapaden beim FC Bayern mit Kartenspielen statt Training hier nicht das Glück auf seiner Seite hatte und die Spielerfahrung nicht nutzen konnte. Möglicherweise machte ihm auch der Nikotinmangel zu schaffen, dies ist aber aus den Fernsehbildern nicht eindeutig zu belegen. Letztendlich musste er sich der aggressiven Spielweise von Lilly geschlagen geben und konnte fortan in der Loser Lounge Platz nehmen. Bei noch drei verbleibenden Spielern am Tisch – Elton, Stefan und Lilly – beschränkte sich die spielerische Finesse der Gegner eher auf das Ansagen der zwei Zauberworte „All In“. Es war auch nicht weiter verwunderlich, das sich Elton mit der wesentlich besseren Starthand dem unfassbaren Glück von Lilly geschlagen geben musste und das „Turnier“ auf dem dritten Platz beendete. Nun stand ihrem Turniersieg nur noch der Gastgeber Stefan Raab im Wege und bereits nach wenigen Händen im HeadsUp musste er sich mit „Middle Pair“ dem „Top Pair“ von Lilly geschlagen geben, somit gab es zum zweiten Mal einen Sieg einer weiblichen Spielerin bei diesem Event. Es wird sicher sehr interessant sein, welch illustre Runde das nächste Mal antreten wird und für Unterhaltung im Abendprogramm.

Als intellektuelle Randerscheinung ist vor allem das Gewinnspiel „Bess“ zu nennen, dass die unglaublich schwierige Gewinnfrage aufwarf, welche Karte beim Poker die Höchste sei und die Zuschauer vor ihren TV-Geräten vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe stellte. Alles in Allem stellte die Sendung nicht unbedingt den Inbegriff der hohen Pokerkünste und einer ausgefeilten Spielstrategie dar, aber dies muss sich ja nicht unbedingt negativ auf den Unterhaltungsfaktor auswirken. Für alle Laien auf dem Gebiet des Poker mag allerdings der Anschein entstehen, das Poker nicht unbedingt ernst genommen werden muss und eigentlich in der breiten Öffentlichkeit als Glücksspiel verschrien ist. Man mag sich allerdings fragen, ob es jemals der Zweck dieser Sendung oder Werbekampagne von einer der größten Pokerseiten weltweit gewesen sein mag. Ein Ziel hat dieses Format auf jeden Fall erreicht: Poker wird in Deutschland einer immer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht und vor allem Anfänger werden schon einmal auf die Spielweise in den 12.000 Mann starken Freeroll Turnier bei Pokerstars vorbereitet. Dort werden aber wesentlich mehr Hände gespielt und es gibt im Pokerclient auch nicht alle paar Minuten eine Werbesendung, normalerweise gibt es erst nach einer Stunde die erste 5-minütige Pause. Auf einen Kommentator muss man zudem leider (zum Glück für den Kommentator) auch verzichten und in der Loser Lounge gibt es auch keine virtuellen Cocktails zu trinken.

Fazit: Für die Etablierung von Poker als Geschicklichkeits- und Denkspiel ist dieses Fernsehformat sicherlich nicht förderlich, aber die erhöhte TV-Präsenz mag auch ihre positiven Aspekte haben. Das Boris Becker durchaus Poker spielen kann, darf er ja dann demnächst bei der EPT Dortmund im März beweisen – die TV Kameras werden jedenfalls vor Ort sein, um davon zu berichten.

*copyright by: zedmaster84*

Kommentare

Veröffentlicht von Bonushure am 11:55 AM, February 05, 2009 | Antwort hinzufügen

Hallo,

so ganz kann ich nicht zustimmen.
Lilly hat doch ordentlich gespielt. Und wurde doch sogar von "Pokerexperten" Körner aufs Außerste gelobt.

Und Boris hatte einfach miese Setups. Schreibst doch selber, dass es ein crapshot ist. Mit welchen Händen soll er denn sonst spielen?

Seine Kommentare als Co-Moderator...konnte man doch oft gar nicht akustisch verstehen. Da wird dann jeder Satz auf die Goldwaage gelegt. Mein Gott, der sitzt da und muss halt was brabbeln. Über Beckenbauer regt sich doch auch keiner auf.

Der Online Qualifier hat m.E. auch nicht besonders gespielt. Bei der Preisgeldverteilung muss man auf vordere Plätze spielen und nicht auf ITM.

Sehr schöne Bemerkung zum "intellektuellen Gewinnspiel" Bess. Man ist ja einiges gewohnt, wird aber immer wieder aufs Neue überrascht.

Und auch interessant, wie die Meinungen innerhalb der "Szene" zur Show auseinander gehen.

Beste Grüße,

Bonushure

Veröffentlicht von vhone am 11:39 AM, February 05, 2009 | Antwort hinzufügen

Hast Du das ganze zum ersten Mal gesehen ? Ich muss mich da schon eher MK anschließen der vorher schon sagte, das dieses Mal jemand dabei wäre der weiss was er tut. In den meisten bisherigen Sendungen ware alle grottenschlecht (bis auf z.B. den Silbereisen). Lilly fand ich nicht so schlecht - Sie hat als ehem. Pokerdealerin sicher auch sehr gute Reads gehabt und generell war Ihre Spielweise für das Format schon gut.

Da gab es schon deutlich schlechtere Gewinner und das hier eigentlich die ganze Zeit "Dauerwerbesendung" eingeblendet sein müsste ist eh klar, oder ;-)

Veröffentlicht von oputz am 08:36 AM, February 05, 2009 | Antwort hinzufügen

ich hatte die sendung verpasst, aber nach dem lesen deines eintrages ist das nicht weiter tragisch. repräsentativ war die zusammenstellung allemal. glücksritter gibt es viele. das schlimme ist nur, dass sie den tisch gewann und was sich viele einsteiger nun davon ableiten. da ist dann wieder geduld gefragt ...

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