Unsagbar Aussuckbar

Hallo Overcards-Community,

die gute alte Bad-Beat-Thematik! Ich hoffe heute etwas Neues zum alten Thema beitragen zu können.

Ein Bad Beat ist eine Form empfundenen Pechs am Pokertisch. Glücklich und zufrieden sind die meisten Pokerspieler eigentlich nie. Gewinnt man, so gewinnt man nicht so viel wie es die sich selbst zugeschriebene Überlegenheit eigentlich wert wäre, verliert man aber, so „ging mal wieder alles schief, was nur schief gehen konnte“. War man dabei hinten, so nervt das Setup des Coolers: „Warum hat immer gerade dann, wenn ich Kings habe, jemand Aces?“ War man aber vorne und wird aus-ge-suckt, so fühlt man sich besonders hart getroffen und teilt sie mit, die Bad-Beat-Story der Stunde. Warum eigentlich?

Weil die Message im Metatext so schmeichelhaft für den Erzähler ist: Wer eine Bad Beat Story hat, greift der Frage vor, warum ihn Poker eigentlich nicht schon längst reich gemacht hat. Er greift der Frage vor, ob er vielleicht doch nicht so gut ist, wie er meint. Wer mag schon solche Fragen?

Deshalb Attacke! Eine Bad Beat Story ist ein verbaler All In. Ehe man gefragt wird, warum man selbst denn bereits steht, während noch so viele sitzen, also jemand den Pokerskill hinterfragt, ergreift man das Wort: „Ich habe meine Gegner eigentlich (mal wieder) an die Wand gespielt, aber du weisst ja selbst, wie das ist am Pokertisch...“

Taktisch brillant! Ein aktiver All In und damit unkonterbar. Besonders gefällt mir der „du weisst ja selbst“ Teil, denn der ist nur zu kontern, wenn man sich selbst dem Kreis der Wissenden entzieht. Dann lieber abnicken und das Frusthelle mittrinken.

Ich möchte aber nicht nur altklug über potenzielle Motive für die große Verbreitung von Bad-Beat-Stories schreiben, ich will auch an einem praktischen Beispiel zeigen, dass es einfach nur Unsinn ist, sich über Bad Beats zu echauffieren.

Mein online Spiel habe ich im letzten Jahr mehr und mehr in Richtung Quantität verändert. Ich spiele viele viele SnGs gleichzeitig, habe in Stoßzeiten über 30 Entscheidungen pro Minute zu fällen. Daraus ergibt sich folgendes: Ich treffe mehrheitlich solide, aber gewiss keine brillanten Entscheidungen. Mein Edge pro Turnier ist gering, aber dafür bewege ich vergleichbar viele Jetons in kurzer Zeit. Letztlich habe ich in etwa 2 All Ins pro Minute und wäre ich nur jedes vierte Mal weit vorne, so wäre ich es doch alle zwei Minuten. Alle zehn Minuten also bin ich im Mittel fällig und mein großen Paare fallen gegen aberwitzige Hände.

Manchmal passiert 30 Minuten nichts derartiges, aber dann fühle ich mich keineswegs so glücklich wie ich sein müsste. Gefühlt halte ich es für „normal“, auch wenn ich weiß, dass es nicht so ist.

Manchmal aber kommt es richtig dick rein und „alle“ Coinflips sowie massive 80%-er gehen zum Gegner. Alle Stunde in etwa habe ich beste Gründe völlig auszuflippen, doch ich lasse es nicht zu, weil es genau diese Enttäuschung ist, die mir beweist, dass ich auch heute Edge habe.

Denn würde ich mehrheitlich geschlagen und dürfte ich nicht mehr wütend darüber sein, dann wäre ich auch nicht mehr oft genug vorne und müsste meinen Spielansatz überdenken. So lange ich also unsagbar oft aussuckbar bin, besteht kein Grund sich aufzuregen, denn aussuckbar ist nur der Favorit in der Hand und genau darauf arbeite ich ja mit jeder Entscheidungen am Tisch hin.

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

Tags: BadBeat, SnG, Edge.

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Kommentare

Veröffentlicht von zawi am 02:47 PM, September 15, 2009 | Antwort hinzufügen

Ich drück allen Bad Beat Schreibern ganz fest die Daumen dass sie gleich wieder einen Bad Beat kriegen, dann endlich von der Brücke in die Donau, den Rhein oder die Elbe springen, um vor weiteren Bad Beat Stories verschont zu werden.

Was lernt man von Bad Beats außer dass es sie gibt und Poker doch kein reines Geschicklichkeitsspiel ist?!

Veröffentlicht von admin am 10:55 AM, September 02, 2009 | Antwort hinzufügen

Sehr logische Ansicht...und dennoch hier zum ersten Mal so ausdrücklich gelesen - reduce to the max. Danke, Stephan.

Veröffentlicht von Angela am 07:22 AM, September 02, 2009 | Antwort hinzufügen

@ jokerpoker: Von den schönen Worten leben Buchautoren - und vom SnG-Grinding der Pokerspieler. Weshalb also "nur Worte"?

Veröffentlicht von jokerpoker am 09:54 PM, September 01, 2009 | Antwort hinzufügen

schöner Artikel...aber immernoch "the-gambling-institute.de"

..insofern nur Worte...davon leben Buchautoren.

Veröffentlicht von Angela am 08:10 PM, September 01, 2009 | Antwort hinzufügen

"verbaler All-In" .... so hab´ ich die BB-Story noch nie betrachtet!
Guter Beitrag! :-)

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