On Betsizing

 Hallo Overcards-Community,

folgender Mailauszug eines lieben Kunden hat mich erreicht und steht exemplarisch für viele ganz ähnliche Fragen, die ich immer wieder erhalte:

 

„Ich war im Oktober auf deinem Seminar in Regensburg, vielleicht erinnerst du dich. Da hast du einen Satz gesagt, der mich sehr beschäftigt, nämlich: -Ich versuche immer den Pot mit der kleinst möglichen Wette zu gewinnen.- Es ging dabei zwar um ein Preflop Raise, aber ich dachte mir, das stimmt auch für Bets auf Flop, Turn oder River. Mein Problem ist jetzt, daß ich nicht weiß, wie ich die korrekte Bethöhe berechnen soll. Angenommen es liegt ein Flushdraw auf dem Board und im Pot befinden sich 100$. Klar, mein Gegner auf dem Draw trifft seinen Flush in 18% der Fälle auf der nächsten Karte, also muß ich ihm Pot Odds von ca. 5:1 geben, richtig? Aber wie bestimme ich jetzt die korrekte Einsatzhöhe? Wenn ich 18$ setzte gebe ich meinem Gegner 118$:18$, was 6,5:1 entspricht und für ihn ein ganz klarer call ist. Wie also kann ich wenn ich meinen Gegner auf den Flushdraw setze von der aktuellen Potgröße her bestimmen, wie hoch mein Einsatz sein soll, damit er für meinen Gegner gerade zu einem Spielzug mit negativem Erwartungswert wird, wenn er callt.“

 

In und auch zwischen den Zeilen fließt hier viel Information. Zunächst zu meiner Aussage: Da man in allen nicht-super-tighten Spielkonzepten immer auch zufrieden sein darf, wenn der Gegner im Zweifel foldet, macht ein Betsizing in Richtung Small-Ball Sinn: Minimal, aber nicht unter Aufgabe von Foldequity. Die Ausweitung der Aussage auf alle Setzrunden ist somit ok.

 

In der Frage der Wetthöhenbestimmung wird schnell klar, dass mein Kunde leider den Blick für das Wesentliche vor lauter Mathematik verliert. Dabei liebe ich die Mathematik und halte sie für absolut Key für meinen Erfolg. Trotzdem muss man immer die Kirche im Dorf lassen. Die Mathematik soll helfen, nicht hindern!

 

Also: Liegen 100 im Pot und liegt ein Flushdraw am Board, so ist zunächst einmal wesentlich, dass man nicht immer alles zu fürchten hat. Wer sagt denn, dass mein Gegner ausgerecht diesen Draw hält?

Geben wir ihm nun aber den Draw und wollen ihn in einen Fehler zwingen, so gibt die Mathematik nicht das Optimum an, sondern nur die Grenze "ab wann der Gegner langfristig draufzahlt".

 

Diese berechne ich knapp: Soll er also 9 Outs haben. So hat er fast 20% für eine Karte. Punkt. Verlange ich also 25 per Bet, so gewinnt mein Gegner mit im Falle eines Hits bei der nächsten Karte 100 und verliert bei den viermal so oft zu erwartenden „Blanks“ (20%: 80%) ebenfalls in Summe und nach Erwartung 100. Soviel zur reinen Mathematik - die ist weder schwer noch essentiell.

 

Wesentlich ist nun aber, was man daraus macht:

Wie viel kann ich über das rechnerische Ergebnis hinaus verlangen und der Gegner zahlt trotzdem?

Verliere ich sicher nicht noch weitere Jetons, wenn mein Gegner seine Hand macht?

Gebe ich dem Gegner auch wirklich keine weitere Karte?

Hat der Gegner überhaupt die Hand, die ich fürchte?

 

Das sind die eigentlichen Fragen und das ist das eigentliche Spiel, welches Poker zu dem macht, was es ist: brillant!

 

Euch allen frohe Festtage und einen tollen Start in 2012!

 

Zahler zocken – Könner kalkulieren

 

Stephan Kalhamer für

gaming-institute.de

Kommentare

Veröffentlicht von Sid am 11:58 AM, December 23, 2011 | Antwort hinzufügen

So hast du es auch bei den von mir besuchten Kursen vermittelt. Mathe ist wichtig allerdings nur eine Seite der Medallie.Ich würde sagen, alleine das exakte Ausrechnen einer jeden Hand dauert hier bereits so lange, dass die Mitspieler langsam sauer werden. Zum Anderen wird dein Kunde sehr schnell als ABC Spieler erkannt  und dadurch zum Opfer werden.Und genau darum holen wir uns Rat bei Dir. SidPS: vlt. geht mal ein HM zamm?

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