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Vom Küchentisch ins Netz: Was Sie vor Ihrer ersten Online-Pokerrunde wissen sollten

Was sich beim Wechsel vom Heimspiel zum Online-Poker ändert: Tempo, Rake, Limits, Bankroll und die Rechtslage in Deutschland seit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021.

Redaktion · · 5 Min. Lesezeit
Küchentisch am Abend mit verstreuten Pokerchips und einem Kartenstapel, daneben ein aufgeklappter Laptop mit angedeutetem Pokertisch

Freitagabend, fünf Leute, ein Koffer mit Plastikchips und eine Flasche Wein: So beginnen viele Pokerkarrieren, und für die meisten bleibt es dabei. Irgendwann stellt sich aber die Frage, wie man im Netz abschneiden würde. Der Wechsel ist kleiner, als er wirkt, die Unterschiede sind trotzdem deutlich. Wer sie vorher kennt, spart sich teures Lehrgeld in den ersten Wochen.

Gleiche Regeln, anderes Spiel

Die Regeln sind identisch. Ein Flush schlägt eine Straße, die Blinds wandern nach jeder Hand weiter, das Hand-Ranking gilt am Küchentisch wie online. Was sich ändert, ist alles drumherum. Am Heimtisch sieht man, wer nervös mit den Chips spielt, wer gerade sein drittes Bier trinkt und wer seit einer Stunde jede Hand foldet. Online bleiben davon nur die Einsätze und die Zeit, die sich jemand für eine Entscheidung nimmt. Gute Online-Spielende lesen deshalb Muster aus Setzgrößen, nicht aus Gesichtern.

Die Rechtslage in Deutschland

Bis 2021 bewegte sich Online-Poker in Deutschland in einer Grauzone. Mit dem Glücksspielstaatsvertrag, der am 1. Juli 2021 in Kraft trat, wurde es erstmals bundesweit erlaubnisfähig. Anbieter brauchen seitdem eine Erlaubnis der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder und stehen dann auf deren öffentlicher Whitelist. Für Sie als Spielerin oder Spieler bedeutet das: Ein Konto bei einem lizenzierten Anbieter, Identitätsprüfung bei der Anmeldung und ein Einzahlungslimit von 1.000 Euro im Monat über alle Anbieter hinweg. Wo Sie Online Poker in deutschen Casinos spielen können und welche Turnierformate die einzelnen Anbieter haben, zeigt ein aktueller Vergleich der lizenzierten Pokerseiten.

Tempo: Doppelt so viele Hände pro Stunde

Am Küchentisch werden pro Stunde vielleicht 25 bis 30 Hände gespielt. Mischen, Geben, Chips zählen und Gespräche kosten Zeit. Online mischt die Software in Sekundenbruchteilen, und an einem Tisch mit sechs Plätzen kommen leicht 60 bis 80 Hände pro Stunde zusammen. Für jede Entscheidung läuft ein Timer, meist mit einer zusätzlichen Zeitbank für schwierige Spots.

Das höhere Tempo hat zwei Folgen. Gute und schlechte Phasen kommen schneller, und Fehler summieren sich schneller. Deshalb empfiehlt es sich, anfangs an genau einem Tisch zu spielen und das gleichzeitige Spielen an mehreren Tischen erst dann auszuprobieren, wenn die Entscheidungen sitzen.

Rake: Der stille Mitspieler

Am Küchentisch gehört der Pot vollständig dem Gewinner. Online behält der Anbieter einen kleinen Prozentsatz jedes Pots ein, den sogenannten Rake, meist mit einer Obergrenze pro Hand. Bei Turnieren steckt die Gebühr im Buy-in: Ein Turnier für 10 plus 1 Euro bedeutet 10 Euro für den Preispool und 1 Euro für den Anbieter. Der Rake ist der Grund, warum ein Spiel, das am Heimtisch ausgeglichen wäre, online leicht im Minus endet.

Bankroll: Nur Geld, das übrig ist

Die wichtigste Regel ist keine Pokerregel. Spielen Sie nur mit Geld, das für nichts anderes gebraucht wird, und legen Sie diesen Betrag vorher fest. Eine verbreitete Faustregel für Cash Games lautet, mindestens 20 bis 30 volle Buy-ins für das gewählte Limit zur Verfügung zu haben. Wer 200 Euro einplant, startet also bei sehr kleinen Blinds wie 0,02/0,05 Euro. Das klingt nach wenig, ist aber genau der Bereich, in dem man die Software und das Tempo kennenlernt, ohne dass ein schlechter Abend weh tut.

  • Limits setzen: Einzahlungs- und Verlustlimits lassen sich im Konto selbst festlegen, unabhängig von der gesetzlichen Obergrenze.
  • Sitzungen begrenzen. Nach einer festen Zeit oder einer festen Zahl verlorener Buy-ins aufstehen.
  • Hilfe holen: Wenn Poker den Alltag bestimmt, beraten die Fachstellen bei FAGS Glücksspielsucht kostenlos und anonym.

Die Software kennenlernen

Bevor die erste echte Hand läuft, lohnt sich ein Rundgang durch den Pokerclient. Fast alle Anbieter haben Vorwahl-Knöpfe wie „Check/Fold“ oder „Call any“, die eine Aktion schon auslösen, bevor Sie an der Reihe sind. Das spart Zeit, verrät aber manchmal mehr als gewollt, und ein versehentlich angeklicktes „Call any“ kann teuer werden. Nützlich sind dagegen die Handhistorie, in der sich jede gespielte Hand nachlesen lässt, und die Notizfunktion, mit der man sich Auffälligkeiten zu einzelnen Gegnern merken kann. Viele Clients bieten außerdem Tische mit Spielgeld an. Dort verhalten sich die Mitspielenden zwar anders als bei echten Einsätzen, für das Kennenlernen der Bedienung reichen sie aber völlig aus.

Die richtige Variante zum Einstieg

Fast alle, die vom Küchentisch kommen, spielen Texas Hold’em, und online ist das auch die Variante mit den meisten Tischen. Sit & Go-Turniere mit sechs oder neun Plätzen eignen sich gut für den Anfang, weil das Risiko auf das Buy-in begrenzt ist. Große Mehrtischturniere mit Hunderten Teilnehmenden dauern dagegen oft mehrere Stunden. Dass man über ein kleines Online-Qualifikationsturnier bis an die großen Tische kommen kann, hat Chris Moneymaker 2003 gezeigt, als er sich für 86 Dollar online für das Main Event der World Series of Poker qualifizierte und es gewann. Ein realistisches Ziel für die ersten Wochen ist das nicht, und als Maßstab für die eigene Bankroll taugt es erst recht nicht.

Fazit: Klein anfangen und genau hinsehen

Der Wechsel ins Netz lohnt sich für alle, die ihr Spiel verbessern wollen, denn nirgendwo sonst sieht man so viele Hände in so kurzer Zeit. Starten Sie bei einem lizenzierten Anbieter, an einem einzigen Tisch, mit den kleinsten Blinds und einem festen Budget. Wer nach einigen Wochen merkt, dass die Entscheidungen sicherer werden, kann aufsteigen. Wer nur noch dem Verlust hinterherspielt, sollte zurück an den Küchentisch.